Hauptstadtkater

26. Januar 2026

Über Kletterästheten und Kletterdilettanten

Meine Leidenschaft: Das Klettern. Nichts, was meine Spezies (abgesehen natürlich vom Chillen) besser könnte. Dafür sind unsere Körper gemacht – mit unserer extrem elastischen Wirbelsäule und ihren 50 Wirbeln, unseren unfassbar kräftigen Hinterbeinen, unserem „Balancierer“, dem Schwanz – und natürlich: Unseren Krallen, einziehbar natürlich. Kater können klettern. Menschen nicht. Umso absurder, wenn sie es dann trotzdem tun. Und sich dabei auch noch filmen und live streamen lassen.

In Taiwans Hauptstadt Taipeh hangelt sich nun ein 40-jähriger Ami einen 508 Meter hohen Wolkenkratzer empor, 101 Stockwerke. Ohne Hilfsmittel. Also ohne Seil oder Gurte, nicht mal Netze sind gespannt. Dafür Netflix, he, he. Und ich so: Bin dabei. Weil Felix das so will. Und auf dem Board vor dem Fernseher, der das Spektakel zeigt, Leckerli verteilt. Fürs Foto. Vom dilettierenden Fremclimber und mir.  Dem Kletterästheten. Und ich jumpe hoch. Aufs Board. Easy. Futtere. Und lasse Felix gewähren. Beim Knipsen.

Honnold schafft es. Nach 90 Minuten ist er oben. Klar, sieht ungeschickt aus, wie er sich da hocharbeitet. Er scheint vor allem von seinen Armmuskeln zu profitieren. Und manchmal baumelt er mit seinen Beinen über dem Abgrund – und es wirkt tatsächlich gefährlich.

Nun, der Sender überträgt das Spektakel zehn Sekunden zeitversetzt. Und ich denke so: Warum macht Mensch das? Also, warum klettert Honnold hoch, obwohl sein Körper dafür nicht ausgelegt ist? Er behauptet, es schaffe ihm Befriedigung. Okay, das ist ein Motiv, das ich als Kletterkünstler nachvollziehen kann. Er soll für die Aktion auch eine nette Summe Geld bekommen – einen Betrag im mittleren sechsstelligen Dollarbereich. Ein weiteres Argument. Für Mensch. Denke ich so.

Und warum schauen Hunderttausende zu?  Frage ich mich: Lauter Voyeure? Wie Felix. Der erst mal auch sagt, wie abartig. Ein Spektakel um Leben und Tod zu zeigen. Aber dann starrt er unverwandt auf den Bildschirm. Schaudert, als er mit in den Abgrund blickt. Gruselt sich. Als sich Honnold Meter für Meter an der Glasfassade empor hangelt.

Nervenkitzel. Braucht der Mensch offenbar. Um vom Nervenkitzel der alltäglichen Kriege und Grausamkeiten Abstand zu bekommen. Eine Art Gedankenkletterei also. Denke ich so. 

Die Leckerli vom Board sind weg. Der Mann ist oben. Und ich mache mich zum Abstieg bereit. Zum Sprung. Was Mensch nicht kann. Hat ja auch keine sieben Leben. Sagt der klettergeile Hauptstadtkater. Der gerne über euch wachen würde. Und jetzt: Staunt und chillt, Leute. 

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