Tag: 8. Juli 2026

  • 8. Juli 2026

    Einstürzende Gewissheiten in einer verrohenden Welt

    Wenn alte Gewissheiten einstürzen, wächst auch mal Irritation. Und kann irgendwann stärker als die Genugtuung sein, dass eben diese alten Gewissheiten gecrasht sind, gecrasht wurden. Weil sie absolut sinnlos schienen. Sie es aber doch nicht waren. Sondern auch Halt gaben.

    Denke ich so. Als ich mich plötzlich auf unserem Balkon wiederfinde. Einem jener für die Cats unseres Rudels fortbidden places. Wie ich raus kam? Nun, Diego gießt die Blumen – und die Balkontür ist nur angelehnt. So dass ich mich rausschlängeln kann. Und sofort im Bann gezogen bin. Von den um mich kreisenden Schwalben und Hummeln.

    Um ihnen näher zu sein, jumpe ich auf den Tisch. Und  bin voll fasziniert, von den weit unter mir vorbeiziehenden Köter. Ich lasse meinen Blick in die Ferne schweifen. Und sehe Welt. Bin erstaunt. Ob ihrer Größe. Und spüre ein Kribbeln in mir. 

    Was man darf und was nicht – wer definiert das eigentlich? Frage ich mich so. Und höre, wie eine Senatorin aus Paraguay den französischen Starfußballer Mbappe rassistisch beschimpft. Der hatte zuvor Frankreich bei der WM in den USA durch ein Elfmetertor eben gegen Paraguay eine Runde weiter geschossen.

    Und die Senatorin Celeste Amarilla bezeichnet Mbappe daraufhin in sozialen Netzwerken als kolonialisierten Kameruner, der verzweifelt versuche, als Franzose durchzugehen. Er sei verbittert, neureich, arrogant und hässlich. Und ich denke so: Dass eine Politikerin so denkt – ja, ist leider so. Dass sie es aber öffentlich äußert, unfassbar.

    Ein No Go. War mal eine Gewissheit. Und auch wenn die Regierung ihres Landes sich distanziert und selbst die Fifa das Statement rügt – es ist in der Welt. Und ich ahne, welch Beifall sie für ihre Worte von manchen Menschen bekommt. 

    Die Grenzen des Sagbaren sind massiv verschoben. Gewissheiten damit ebenfalls, wenn nicht gar verschwunden. An dieser Entwicklung hat US-Präsident Trump einen erheblichen Anteil. Denke ich so.

    Denn: Wer Völkern direkt mit Vernichtung droht. Wer Verbündete wie Feinde behandelt. Wer Zölle verhängt und Kriege beginnt, wie es ihm beliebt. Wer alle Regeln über Bord wirft. Der ist verantwortlich für die Verrohung der Welt. Und dafür, dass alte Gewissheiten zerbersten. Und es keine Leitplanken mehr gibt. Keinen Halt. 

    Trotzdem, naturally lohnt es sich, immer und jederzeit Gewissheiten infrage zu stellen. Und ich sehe Diego. Wie er beim Essen mit beiden Ellbogen über seinem Teller lümmelt und diesen danach ableckt. Mag Felix nicht. „Warum?“ Fragt Diego. „Tut man nicht.“ Antwortet Felix. „Wer ist „man“?“ Fragt Diego. Und leckt.

    Während ich mich frage, warum ich nicht auf dem Balkon sitzen darf. Um die Welt beobachten zu können. Spüre dann plötzlich einen Sprungreflex in meinen Hinterläufen. Als mich eine Schwalbe umschwirrt. Sagt der für alles offene Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Stellt alte Gewissheiten auf den Prüfstand. Und chillt, Leute!