Tag: 18. Juni 2026

  • 18. Juni 2026

    Überraschende Zuggeschichten meiner Muriel aus dem rechten Osten

    Ach, wie herrlich: Wenn Überraschungen gelingen. Plötzlich steht meine Nuria vor mir. Unangekündigt. Als ob sie nie weg gewesen wäre. Frisch angekommen aus Freiburg. Weil sie mich mal wieder sehen will. Also: Mich, Coco, ihren Freund Piet. Und die anderen. 

    Mitgebracht hat sie gar herrliche Zuggeschichten: Schreiende Kinder in den Abteilen, krümelnde indische Großfamilien, Bier saufende Männergruppen. Und natürlich Dirk. Ein Mit-40er mit Köter. Neben dem noch ein Platz frei war. Den meine
    Nuria selbstbewusst nahm. 

    Er begann sofort. Seine Erzählungen: Er komme gerade aus Paris. Dort habe er Kemal, eben jenen Labrador-Mischling, der am Knie meiner Nuria sabbert, von seiner Ex abgeholt. Alle zwei Monate wechsle das Sorgerecht für den Köter. Anstrengend.

    Denn an den Wochenenden reise er immer nach Thüringen zu seiner aktuellen Freundin. Die da mit ihrer zwölfjährigen Tochter in einem Dorf in der Nähe von Erfurt wohne. Letztes Mal habe er dort eine französische Zwiebelsuppe zubereitet. Die Zwölfjährige habe geschnuppert, ihr Gesicht verzogen und gefragt, was Komisches er da koche, es rieche irgendwie ausländisch.

    Er habe geantwortet: „Du, das was Du da so sagst, das ist rassistisch.“ Woraufhin sie ihm tief in die Augen geblickt und stolz gesagt habe: „Ich bin Rassistin.“ Sie habe das wirklich ernst gemeint. Habe Dirk betont. Und sie habe keinen Schluck Suppe probiert. 

    Der Rechtsextremismus durchdringt das Bürgertum, das scheint das neue Normal. Denke ich so. Und meine Nuria schildert weiter die Erlebnisse ihres Platznachbarn. Dirk habe von Leuten in Thüringen erzählt, die geklagt hätten, die Ausländer nähmen ihnen die Arbeitsplätze weg. Um im selben Atemzug zu behaupten, die Migranten seien ja so faul und würden nur Sozialleistungen kassieren. Häh?

    Von Leuten, die geklagt hätten, über das Thema Migration dürfe nicht geredet werden, ohne gleich in die Schublade Nazi geschoben zu werden. Während in der Politik und in Talkshows das Thema seit Jahren das Topthema ist. Häh? Von Leuten, die behaupten, das Stadtbild sei geprägt von Menschen mit Migrationshintergrund. Während gerade in Thüringen vor allem weiße Menschen leben. Häh? 

    Wer Sprüche stoppen will. Muss kämpfen. Was schwierig ist, denke ich so. Weil die Fronten so verhärtet sind und Argumente und Wahrheiten oft gar nicht mehr wahrgenommen werden. Sondern als Prinzipien abgelehnt werden. Die Aufklärung darf aber nicht sterben. Hoffe ich. Blicke auf die chillende Coco. Die es mal wieder so richtig macht.

    Und ich spüre das sanfte Kraulen meiner Nuria. Die erzählt, sie habe sich dann von Dirk verabschiedet, um einen ruhigeren Platz zu suchen. Den sie aber nicht fand. Sondern neben einer Frau mit Säugling landete. Nun: Einfach herrlich. Das Leben. Sagt der überraschte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid offen. Und chillt, Leute!