Die große Suche nach Coco

Die große Suche: Es tut gut, etwas zu tun. Weil es von der Ohnmacht ablenkt. Und so sitze ich den ganzen Tag auf dem Fensterbrett. Schaue in den Himmel über Berlin. Und starre mir Coco auf dem Hof herbei. Es. Klappt. Nicht.
Wenn das alles nicht so traurig wäre, könnte ich sogar lachen, wenn ich es von meiner Physiognomie her könnte – also Lachen. Oder zumindest so etwas wie Freude verspüren. Denn im Moment der Not, der Verzweiflung, da sehe ich meine Thesen vom bösartigen, unfähigen Menschen widerlegt.
Die Freunde meiner Bruna, meiner Alten, auch Nachbarn bieten Hilfe an. Sind auf der Suche. Nach Coco. Und es kommt gar moralische Hilfe aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Olena wünscht mitfühlend, dass Coco wieder auftaucht. Als ob sie nicht genug damit zu tun hätte, die russischen Raketenangriffe zu überstehen. Denke ich so.

Und dann ist da die Polizei. Felix ruft vier Reviere an, die in der Nähe meines Reviers sind, um zu fragen, ob sie was von Coco gehört hätten. Alle Beamten am Telefon – locker, freundlich, hilfsbereit, empathisch. Sagt Felix. Einer ruft zurück und meint, er habe ganz vergessen, welche Farbe Coco habe, das müsse er wissen, um die Beschreibung den Streifenwagen mit auf den Weg zu geben. Coco also auf der Fahndungsliste also. Denke ich.
Ein anderer Polizist erzählt, es sei Alltag, dass bei ihnen Katzen und Hunde abgegeben würden. Die dann auch mal eine Nacht blieben. Länger gehe nicht, weil nicht genug Platz da sei. Dann würden die Katzen und Hunde ins Tierheim gebracht. Das Kümmern um die Tiere zähle zu seinen Lieblingsaufgaben: „Wenn wir Katzen finden und sie zurückgeben, das löst echte Freude aus.“ Und Felix so: Wie nett kann man sein. Welch Unterschied zu den Callcenter-Leuten von Banken, Versicherungen oder Ärzten.

Lauras Freundin Josephine sagt, ihr Mann Dominik werde auch morgen weitersuchen. Er sei Experte, habe vor einigen Jahren seinen Kater Carlos nach vier Tagen Absenz auf der Reeperbahn in Hamburg wiedergefunden. Sie empfiehlt, eine Drohne mit Infrarot auszuleihen, um den Park auf der Suche nach Coco zu überfliegen. Brunas Cousin Kaj meint, er könne Freunde vom Technischen Hilfswerk fragen, ob sie so eine Drohne hätten.
Meine Bruna hängt überall im Kiez Plakate mit dem Konterfei Cocos auf. Auch bei Tierärzten. Beim Tierheim. Alle nett. Hilfsbereit. Laura lädt das Plakat mit der Suchanzeige auf einer Nachbarschaftsplattform hoch. Nuria stellt es auf Facebook online. Meine Bruna, Diego, Laura und Felix durchkämmen den Kiez. Meine Bruna läuft heute mehr als 20.000 Schritte. Sie leuchten im Dunkeln alles mit Taschenlampen ab. Meinen, im nahen Park nun jeden Busch zu kennen. Coco allerdings: Nicht zu sehen.

So leiden wir. Leide ich. Dass Coco an dem Tag, an dem sie ein halbes Jahr wurde, abhaute. Und ich weine. Laut. Bis meine Bruna die Tür öffnet. Und ich mit ihr im Bett kuscheln darf. Obwohl deprimiert, rolle ich nun mit auf der Welle der Hilfsbereitschaft. Des Trosts.
Und denke so: Ein Hoch auf Freunde. Sagt der positiv erstaunte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und nun merkt: Ihr wacht über ihn. Wofür er danken will. Und jetzt: Suchet und findet Coco, seid aufmerksam – und chillt, Leute.
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