Hauptstadtkater

13. Dezember 2025

Wild Coco und empfindlich unempfindliche Menschen

Wild. Wie wild kann man sein? Frage ich mich so. Und sehe Coco über mich fliegen. Coco: Synonym für wild. Sie rast durch mein Revier. Springt 1,72 Meter über mich. Aus dem Stand. Hangelt sich den Kratzbaum empor. Um dann runterzufliegen. Mich zu treffen. Sie rupft mir Fellbüschel aus meinem Pelz. Fängt die Maus.

Apportiert sie zu Felix. Windet den Faden samt Stab, an dem die Maus hängt, um seine Füße. Um dann in selbige – also seine Füße, Beine, und dann sogar Hände – zu beißen. Bis Felix aufkreischt. Und aufflattert wie ein eben erwischtes Vögli in seinen letzten Zügen. Lediglich weil Cocos Bisse an seinem Bein und Arm anschwellen. Wie Mückenstiche eben.

So what, denke ich so. Menschen. So empfindlich. Unempfindlich. Laura und Felix erzählen von einem Treffen mit Freunden – fünf Ärzten. Da sei es um Demenz, die Partydroge Lachgas und das gegangen, was Menschen so alles vertragen. Viel.

Geschlucktes Plastik beispielsweise sei kein Problem. Werde meist wieder ausgeschieden. Ohne Eingriff. Nägel seien auch meist ungefährlich, weil sie durch den Darm mit Spitze nach oben geschleust würden. Batterien aber – not so nice – weil daraus Säure austreten könnte. Und ich frage mich so, warum sie so was schlucken.

Empfindlich sind Menschen auch dann, wenn es um Abschiede von Liebgewonnenem geht. Der Buchladen von Lauras Freundin Tanja macht zum Jahresende dicht. Zu wenig Buchleser. Zu viel Konkurrenz. Zu viel Online. Zu wenig Sichtbarkeit, weil Baugerüste die Auslagen die vergangenen 15 Monate verhüllten.

Seit drei Tagen sind die Gerüste, die für den Bau einer edlen Dachgeschosswohnung gebraucht wurden, wieder weg. Geben nicht nur den Blick auf das Schaufenster mit den Büchern frei, sondern auch auf die Fassade, schmuddelig wie ehedem. Nun die Abschiedsparty mit 60 Gästen. In dem kleinen Laden. Nostalgie. Nach 70 Jahren verschwindet eine Kiez-Institution. Und ich sehe, wie meine Leute Bücher bestellen. Bei Amazon.

Ich spüre die Empörung. Könnte. Wild. Werden. Werde es auch. Springe auf Coco. Lege meine Pfoten um ihren Hals. Zwinge sie auf den Boden unter mich. Bis sie sich langsam erhebt. Und mir mit gesenktem Kopf unterwürfig ihren Hintern präsentiert. So. Muss. Es. Sein. Respekt. Und Demut. Denke ich so.

Und widme mich mit Leidenschaft Cocos Kittenfutter. Voller Proteine. Für heranwachsende Kitten eben.  Egal. Es schmeckt. Sagt der unempfindliche Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid sensibel und chillt, Leute.

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