Frösteln statt Lachen – Judenhass in meinem Land

Wenn meine Leute über den Holocaust reden, dann stellen sie immer wieder die Frage: Warum sind damals, in den 1930er Jahren, so viele Juden in Deutschland geblieben, obwohl sie doch täglich dem wachsenden Hass der Nazis ausgesetzt waren? Und ich denke immer wieder: Ja, das ist aus der Retrospektive so leicht gefragt.
Aber zum Zeitpunkt der Nazi-Angriffe wollte Mensch offensichtlich nicht wahrhaben und fassen, was da geschah. Was eigentlich nicht sein konnte. Und verließ sich auf die Vernunft. Kam man sich doch – bestimmt auch damals – aufgeklärt genug vor.
Vernunft. Beim Menschen. Und ich würde auflachen. Wenn ich könnte. Und sehe, wie sich die Welt gerade verändert. Und Undenkbares plötzlich Realität wird. Wie täglich in den USA zu beobachten. Wo US-Präsident Trump alle demokratischen Werte und Errungenschaften wie Meinungs- und Pressefreiheit, Glauben an die Wissenschaft nicht nur in Frage stellt. Sondern cancelt.


Eine deutsche Bundesministerin namens Prien, die jüdische Vorfahren hat, sagt nun in einem Interview, sie werde Deutschland verlassen, wenn die AfD den Kanzler stellen werde. Unfassbar ein solcher Satz, im Jahr 2025, trotz der Horror-Geschichte Deutschlands, trotz aller Aufklärung.
Da scheint sich etwas zu wiederholen. Nur 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung der Konzentrationslager müssen Juden ernsthaft darüber nachdenken, wegen des Hasses auf sie Deutschland zu verlassen. Und ich fühle so: Ohnmacht, Scham, Wut, Kälte.
Aber nach Umfragen erhält die AfD mittlerweile 26 Prozent der Stimmen – und ist auf Platz Eins. Klar, den Kanzler würde die Partei derzeit trotzdem nicht stellen können, weil keine andere Partei mit ihr koaliert. Aber dass ein Viertel der Wähler die AfD wählen würden, lässt mich erzittern.
Und es gibt weitere Zeichen, die nicht ignoriert werden sollten, etwa wenn ein Händler in sein Schaufenster ein Schild stellt: „Hier sind Juden nicht willkommen.“ Und ich denke so: Wahrscheinlich haben Juden vor 90 Jahren ähnliche Zeichen gesehen – aber nicht ernst genug genommen.


Die Bildungsministerin macht deutlich, dass die Auswanderungsgedanken nicht nur weh tun, weil man die Heimat ja gar nicht verlassen will. Sondern auch die Umsetzung gar nicht so einfach wäre. Denn: Wohin soll es denn gehen? Die USA unter Trump – unerträglich. Israel? Im Krieg mit Terrorgruppen. Und unter einer rechtsextremen Regierung – also auch schwierig. Aber wohl die einzige Lösung, da der Staat ja dafür gegründet wurde, Juden ein Zufluchtsort zu sein.
Die Bildungsministerin sagt, schon heute gelinge es Deutschland nicht mehr, jüdische Menschen vor körperlichen und verbalen Angriffen auf der Straße zu schützen. Sie würden diskriminiert, bespuckt. Viele, die sie kenne, diskutierten, ob man in Deutschland weiterleben könne. Der Antisemitismus habe stark zugenommen.
Ich fröstele. Laura ist bei einem Berliner Laden für Künstlerbedarf, der Party feiert: Man präsentiere die größte Stifte-Wand der Welt – 25 Meter, 500.000 Stifte. Und ich denke so: Berlin ist immer Superlativ. Der alles andere so schön überdeckt.


Mein Blick schweift zu Coco. Die endlich mal ruht. Zusammengekugelt. Ein einziges weiß-braun-schwarzes Fellbündel. Wuschelig. Mir wird wärmer. Das latente Unwohlsein aber bleibt. Fühlt der Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Chillt. Und handelt.
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