Hauptstadtkater

11. November 2025

Mein Tunnelblick aufs Revier und die Hamas

Tunnel turnen mich an. Weil sie die wahren Chill-Orte sind. Die ich like. Eng, dunkel – und wenn man drin ist, sieht einen keiner. Kaum einer. Also, man ist versteckt. Und damit ist der Ort perfekt. Vor allem, wenn ein solcher Tunnel im Revier installiert sind. Wie bei uns. Ein mobiler Tunnel – eine knapp ein Meter kurze, graue Röhre aus beweglichem Kunststoff, so eine Art Polyester oder so. Knistert nice. Beim Durchjagen. Und eben auch gut zum Nachdenken. Je nachdem.

Die palästinensische Terrororganisation Hamas hat fast den ganzen Gazastreifen untertunnelt. Um von außerhalb Waffen reinzuschaffen. Um sich zu verstecken. Um den Bomben der Israelis zu entgehen. Das System soll 500 bis 700 Kilometer lang sein. Unfassbar. Der Gazastreifen ist nur halb so groß wie Hamburg. Rund 360 Quadratkilometer. Die Tunnel sollen bis zu 20 Meter unter der Oberfläche sein, sie sind so breit und hoch, dass Fahrzeuge durchfahren können. Es gibt dort Strom, und Wasser – Waffendepots und Kommandozentralen.

Eines der großen Ziele der Israelis im jüngsten Gaza-Krieg war – und ist es weiter – dieses Tunnelsystem zu zerstören. 60 Prozent davon seien kaputt. Sagt die israelische Armee. Unter der palästinensischen Stadt Rafah an der Grenze zu Ägypten verbergen sich derzeit rund 200 Hamas-Kämpfer – sie sind dort offenbar eingeschlossen. Ans Aufgeben denken sie nicht – trotz Waffenruhe. Und sie denken auch nicht an die mit Israel getroffene Vereinbarung, dass sie eigentlich die Waffen abgeben müssen.

Im Gegenteil. Die Kämpfer lassen ausrichten, der Feind müsse wissen, dass das Konzept der Kapitulation und Übergabe bei ihnen nicht existiere. Die Vermittler – also die USA, Ägypten und Katar – müssten eine Lösung finden. Ihre Forderung: Freies Geleit in andere Gebiete des Gazastreifens. Und ich denke so: Eigentlich gibt es ja eine Lösung – haben die Hamas-Chefs mit unterschrieben… Die Entwaffnung.

Ich rase in meinen eigenen Tunnel. Coco hinterher. Hier gibt es leider heute keine Ruhe. Solange ich nicht nachgebe. So ist das mit großen Kleinkindern. Wie Coco. Denke ich so. Stoße ein Knurren aus. Das ich von mir gar nicht kenne.

Und mich daran erinnert, dass mich einst mein älterer Kompagnon, mein vor mittlerweile bereits vier Monaten gestorbener Lieblingsbruder Moro, auch so anknurrte. Und ich damals so dachte: Wie ätzend. Und ich heute so denke: Die Welt dreht sich. Und man wechselt immer wieder seine Rollen. Nimmt tatsächlich welche an, die einem früher völlig undenkbar waren. Und knurrt dann auch. Shit happens.

Ich überlasse Coco meinen mich so anturnenden Tunnel. Und ziehe mich zurück. Seid nachsichtig miteinander. Sagt der resignierende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute. Im Tunnel. Auch dem imaginären Tunnel, der übrigens auch sehr zu empfehlen ist. Oder sonstwo. Hauptsache Tunnelblick.

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