Hauptstadtkater

10. Februar 2026

Was der Self-Care-Trend mit der Orchesterreise meiner Bruna zu tun hat

Ein neuer Tag. Es wird hell. Wie immer. Coco springt auf mich. Wie immer. Es gibt Nassfutter. Wie immer. Alles dreht sich weiter. Wie immer. Das Leben. Welt. Egal, was passiert. Egal, ob Krankheiten, Kriege oder Hass Leben zerstören. Zeit ist unstoppbar. Für jeden. Trotzdem habe ich Macht: Denn immerhin: Meine Gedanken kann ich stoppen. Bewusst entschleunigen. Und lasse sie schweifen. Wohin ich will. 

Beispielsweise zu meiner Bruna. Die mich schon wieder verlassen hat. Ist mit ihrem Schulorchester auf Probenfreizeit irgendwo in Brandenburg. Bernstein, Khatchaturjan und Tschaikowski stehen auf dem Programm. Knaller. Sagt Felix. Langweilig. Sagt meine Bruna. Menschenmusik eben. Sage ich.

Egal, was wir so sagen. Gelernt habe auch ich mittlerweile: Wenn meine Bruna ein bisschen übt, klingt Musik nicht mehr ganz so schief. Aber ich raffe es, warum meine Bruna so bocklos ist: „Geprobt wird fünf Tage lang jeweils ab 9.30 Uhr. Bis 21 Uhr. Geht’s noch?“, fragt sie. Und ich verstehe. Tatsächlich. Dort in Brandenburg scheint es richtig old school zu sein. Leistung wird gefordert.

Passt nicht mehr. In diese Welt. Denke ich so. Nicht mal, wenn es darum geht, Tschaikowskis Romeo und Julia zu performen. Und die Liebe, die Leidenschaft, der Flow – die entstehen eben nur, wenn das Werk durchleuchtet ist. Wie bei so vielen Dingen im Leben. He, he. 

Musik verbindet Menschen miteinander. Bringt sie in einen Chill-Modus. Sogar zum Schnurren. Wenn sie sich darin verlieren und darauf einlassen. Aber klar, es braucht Übung. Anstrengung. Um die Performance hinzubekommen.

Und ich höre die Klagen der Alten. Beispielsweise Felix. Zu seiner Zeit hätten die Jugendlichen ihre Instrumente üben müssen – um nicht aus dem Unterricht rauszufliegen. Sagt er. Heute seien Musikschullehrer froh, wenn überhaupt noch Schüler kämen. Üben würden sie nicht mehr verlangen. Denn das würde die Jugendlichen vergraulen. Klagt er.

Felixens Cousine Vera – Musikschullehrerin – erzählt, ihre Geigenschüler kämen nur unregelmäßig zum Unterricht. Sagten so manches Mal – wenn überhaupt – erst 28 Minuten nach Beginn ab.

Felixens Bruder Chris – Theaterwissenschaft-Professor— erzählt, seine Studentinnen und Studenten fänden es zu früh, um 9 Uhr zum Seminar zu kommen. Nur zwei der 17 seien pünktlich da. Der Rest komme nach und nach. Und störe. Oder erscheine gar nicht.

Ein Kollege von Felix erzählt, von den Volontären und Volontärinnen gehe keiner mehr in die Gewerkschaft. Um dann zu fragen, warum sie keine Gehaltserhöhung oder keinen Anschlussvertrag bekämen.

Fortgeschrittene Individualisierung. Ohne Rücksicht auf das Umfeld. Denke ich so. Der Trend der vergangenen Jahre: Tue, was dir gut tut. Self-Care. Höre auf dein Inneres. Nicht mitgedacht offenbar: Was passiert, wenn jeder so denkt: Miteinander – unmöglich. Verbindlichkeit – unmöglich. Solidarität – unmöglich.

Selbst bei mir. Ich wäre eine Murmel. Vollgefuttert mit Leckerli. Während Coco nichts hätte. Was eine völlig unrealistische Dystopie ist. Weil Coco dieselben Wünsche hätte wie ich. Und das würde bedeuten: Krieg zwischen ihr und mir. Um die Leckerli. Sagt der selbstbewusste Hauptstadtkater. Der so gerne über euch wachen würde. Und es nicht kann. Und jetzt: Seid achtsam. Und: Chillt, Leute!

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