Hauptstadtkater

1. Oktober 2025

Symbolpolitik und Klimaaktivistin segelt Richtung Gaza

Sie will doch nur spielen. Und das soll Coco. Ist ja ein Kitten. Und da bin ich generös, soll sie doch die an der Angel hängende Maus jagen, krallen, beißen. Möge sie nur aufpassen, dass sie dabei – wie eben passiert – nicht Teile von mir erwischt. Von mir, dem Baby Boss. Dann könnte auch ich auf die Idee kommen: Ich will doch auch nur spielen. Keine Drohung, nur eine Anmerkung. Ihr Leser und Leserinnen. Ihr kleinen Sensibelchen.

Es ist so extrem schwer, sich über umstrittene Themen zu äußern. Weil auch ich dann sofort in eine Schublade gesteckt werde. Nahost-Konflikt – entweder Israel-Versteher und damit Rechtfertiger eines Genozids im Gazastreifen oder Antisemit und Terror-Rechtfertiger. So wird auch mir vorgeworfen. Sobald ich mich dazu äußere. Tu ich trotzdem.

Heute: Die Aktivisten, die mit einer Flotte von 47 Schiffen Richtung Gazastreifen unterwegs sind, um – ihre Behauptung: Hilfsgüter dahin zu bringen und die israelische Seeblockade zu beenden. Die Kritiker sagen: Symbolpolitik und Propaganda, denn die Hilfslieferungen seien so gering, dass sie ein Lkw transportieren könnten. Und ich denke so: Erst mal bewundere ich die zumeist jungen Leute auf den Schiffen, die sich für eine offenbar gute Sache so engagieren. Um mich dann zu fragen: Ist die Sache gut? Und der Weg, so Hilfe bringen zu wollen, tatsächlich zielführend?

Ich haue Coco. Die nicht die Maus sondern meinen Pelz erwischt. Geriere mich als Baby Boss. Und bin genervt. Sehe auf dem Bildschirm Greta Thunberg auf einem der Boote. Thunberg, die Klimaaktivistin, die die Bewegung Fridays for Future ins Leben rief. Und frage mich: Ist die junge Frau tatsächlich unterwegs, um den Palästinenser zu helfen und auf deren Leid aufmerksam zu machen? Oder doch eher auf sich selbst – in Zeiten, in denen der Klimabewegung die Luft auszugehen scheint?

Und ich merke selbst: Ich bin böse. Will ihr offenbar die Popularität nicht gönnen. Ist es denn nicht immer so, dass der- oder diejenige, der oder die sich für jemanden oder eine Sache einsetzt, sich auch im Glanze des eigenen Tuns sonnt? Zumindest wohlfühlt? Und ist das überhaupt zu verurteilen? Oder gibt es tatsächlich auch rein altruistische Menschen? Selbstlos. Ein Widerspruch in sich. Wer ohne Selbst wäre, existiert nicht. Denke ich so. Und beiße Coco.

Für mich ist immerhin das klar: Es geht den Aktivisten darum, die israelische Armee vorzuführen. Die Welt soll sehen, wie sie von Soldaten aufgehalten werden. Und ich frage mich: Hilft das den hungernden Palästinensern? Hilft das, den Krieg zu beenden? Hilft das nicht vielmehr, die Terrororganisation Hamas zu rehabilitieren. Eine Organisation, die mordet, deren in Katar in Luxushotels sitzenden Führung das Schicksal der zwei Millionen Palästinenser in dem Küstenstreifen völlig egal ist? Andererseits: Die Aktivisten machen auf das Leid aufmerksam. Und das ist auch gut so.

Ich bin so verunsichert. Weiß, dass Israel mit seinen Bombardements im Gazastreifen schreckliche Kriegsverbrechen begeht, die nicht zu rechtfertigen sind. Und ich fühle mich gelähmt. Nicht gut. Ich weiß. Aber muss ich etwas tun, nur um etwas zu tun? Was soll ich tun? Spielen?! Mit Coco. Die so groß ist. Wie eine Ziehharmonika. Ich tue so, als ob ich sie hauen wollte. Treffe natürlich nicht. Symbolpolitik. Meinerseits. Dem Baby Boss. Ohh, ich bin so unendlich müde.

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