Stürzende Nuria, einstürzende Gewissheiten, helfende Monteure und Hilfskater

Einstürzende Gewissheiten können schmerzhafter sein als ein Sturz auf das harte und nasse Pflaster von Palermo. Denke ich so. Als meine Nuria erzählt, sie sei mit einer Freundin nach einem Starkregenschauer durch die Stadt gelaufen. Und plötzlich lagen sie beide auf der rutschigen Strada. Beide seien sie total erschrocken. Es habe auch weh getan, an Händen und Gesäß.
Aber erschütternd sei die Reaktion der Leute um sie herum gewesen: Alle seien weitergelaufen, als ob nichts passiert sei. Einige hätten schnell weggeschaut, andere ihre Blicke starr weiter aufs Handydisplay gerichtet. Sie hätten reagiert – wie sie es von Berlinern erwartet hätte. Sagt meine Nuria. Aber doch nicht von den so herzlichen, offenen, hilfsbereiten Sizilianern…

Zum Glück sei der Sturz sowohl bei ihr als auch bei ihrer Freundin glimpflich verlaufen. Sagt meine Nuria. Abschürfungen, blaue Flecken. Aber dass niemand geholfen habe, nicht mal nachgefragt habe, ob man helfen könne, das habe sie schon gewundert. Nein: erschreckt. Deprimiert. Denn es habe ihr Bild von den Süditalienern massiv gestört. Disruption.
Zumal sie zuvor von der scheinbar fürsorglichen Art vieler vor allem männlicher Italiener genervt gewesen sei, die abends immer wieder warnten, Frauen sollten abends nicht alleine durch die Straßen Palermos wandeln. Zu gefährlich. Aber wenn dann etwas passiere, interessiere das niemand. Sagt meine Nuria.


Szenenwechsel: Good old Muddastadt. Laura läuft in einen S-Bahnhof. Wenige Meter vor ihr stürzt eine mittelalte, schwarze Frau die Treppenstufen Richtung Bahnsteig herunter. Erzählt Laura. Sogleich seien vier Männer – alle in Monteuranzügen – bei der Gestürzten gewesen, hätten ihr aufgeholfen, einer habe ihr fürsorglich über den Kopf gestreichelt, ein anderer habe ihr gesagt, sie könne sich doch am Geländer halten.
Und ditte in Berlin. Denke ich so. Fast so gepusht wie Laura. Die begeistert ist über die Hilfsbereitschaft. Wo doch alle immer über die Berliner Wegguckmentalität lästerten. Ich komme kaum aus dem Staunen heraus, als am Abend dann noch die Nachbarin vorbeikommt und einen warmen Apfelstrudel kredenzt. Habe sie eben gemacht. Und an meine Leute gedacht. Sagt sie. Ich bekomme. Nichts. Schade.

Tja, kann also nett sein. Hier. Im trüben Berlin. Zumindest für Menschen. Denke ich so. Kann aber trotzdem nicht verstehen, dass mich meine Leute nicht einfach mitnehmen. Ich hätte überall geholfen. So sind wir. Wir Kater. Hilfskater. Sagt der besorgte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Achtet auf Eure Nächsten. Und chillt, Leute!