Warum ich Japan liebe und einen Fahrstuhl als Erster verlassen würde, wenn ich Fahrstuhl fahren würde

Der Mann der Katzen ist da. Martin. Felixens Kollege aus Japan. Ist zu uns gekommen. Um mich kennenzulernen. Wie er sagt. Weil er als Mitbewohner von drei Katzen in Tokio nun auch deutsche Katerkultur erleben wolle. Und ich ja nun besser als jeder andere Japan verkörpere: Weißes Fell, rote Zunge – die Farben der Flagge seines Landes. Und ich denke so: He, he. Der Mann hat Humor.
Meinen Humor. Nett. Denn er füttert mich mit Leckerli. Und ich schenke ihm: Mein weißes Fell. Auf seinem blauen Sakko. Deutsche Gastfreundschaft. Denke ich so. Während sich Coco hinterm Herd versteckt hat. Auch deutsche Gastfreundschaft eben. He he.
Martin lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Tokio. Liebt die japanische Mentalität. Und lacht über Lauras Freundin Josephine. Die kürzlich mit ihrem Mann Denis mehrere Monate in Japan war. Sich massiv in das Land verknallte. Und nun – back in meiner Muddastadt – am posttraumatischen Entzugssyndrom leidet. Oder so.

Weil Japan so nice und damit ein solcher Gegensatz sei. Vor allem die Menschen dort: Aufgeschlossen, freundlich, nett, zugewandt, herzlich, ehrlich. Von innen heraus. Aggressionen gebe es nicht.
Martin erzählt von seiner Ankunft bei uns im Prenzlberg. Fast wäre er zu spät gekommen. Die Ringbahn habe Verspätung wegen eines technischen Defekts gehabt. Das habe er antizipiert und sei 67 Minuten früher gestartet. Als er dann aus dem Bahnhof Greifswalder Straße gelaufen sei, sei ihm ein Mann entgegengekommen, der direkt vor ihm stehend angefangen habe zu kreischen. Erzählt Martin.
Und weiter: Also habe er erst mal kehrt gemacht und sich eine Bank gesucht. Lange habe er es dort aber wegen des ätzenden Uringeruchs nicht ausgehalten. Vor dem Bahnhof habe ihn eine riesige Baustelle empfangen, der schmale Fußweg übersät von Müll, zwischendrin eine Matratze mit einer darauf schlafenden Frau. Die Unterführung voller Graffiti. Unvorstellbar. Und ich denke so: Willkommen in Berlin.
In Japan dagegen sei alles sehr sauber, sagt Martin. Auch die öffentlichen Toiletten. Nirgends Graffiti. Keine Obdachlosen, ein sehr homogenes Stadtbild – fast nur Menschen, die als Japaner gelesen würden. Dazu: Exakt pünktliche Züge, Arzttermine ohne Wartezeit, nette Umgangsformen, der Kunde sei König.

Ergo: Er könne die Begeisterung von Josephine, Denis und vielen Europäern für Japan sehr gut nachvollziehen. Weil das Land die Sehnsucht nach einem funktionierenden Staat erfülle. Good old Europe reloaded.
Aber: Die Politik sei stramm rechts, ausländerfeindlich, obwohl das stark alternde Land Migranten ebenso wie Deutschland benötige. Es gebe für Arbeitnehmer nur zehn Tage Urlaub im Jahr. Die sich viele dann auch noch für mögliche Krankheitstage aufsparten, um den Kollegen nicht zur Last zu fallen. Alles, auch der Umgang miteinander sei streng formalisiert. Das müsse man lernen.
Beispiel Aussteigen aus einem Fahrstuhl: Da könne es zu einer unauflöslichen Pattsituation kommen, wenn ein Vorstandsboss, eine Frau und ein Popstar drin seien und es darum gehe, wer zuerst aussteigt. Und ich denke so: Mensch, habt ihr Probleme. Ich würde als Erster raus hüpfen, he he.

Während Coco unsichtbar bleibt. Und erst erscheint, als Martin weg ist. Und die Leckerli auch. Naturally. Sie rast zur Tür. Wimmert. Was denn nun? Fragt der kosmopolnische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: besucht Japan. Und chillt, Leute!