Psychologie, Projektion und ein depressiver Affe

Für mich sind Menschen offene Bücher. Wenn ich lesen könnte, he he. Was ich sagen will: Es gibt für mich nichts Einfacheres, als Menschen zu dekodieren. Denn, so sehr sie es auch versuchen – und manchmal ist das geradezu niedlich – Emotionen können sie nicht verbergen. Ob sie nun mal Trump, Putin oder meine Bruna heißen.
Vor allem bei ihr: Es ist so süß, wenn sich über ihren zusammengekniffenen Augen die Stirne kräuselt und sie herauspresst: „Alles gut.“ Dann weiß ich: Nichts ist gut bei meiner Bruna. Ich werde dringend gebraucht. Oder Diego: Seinen unbändigen Hunger erkenne ich sofort – an seinen schmalen Lippen, der latent-aggressiv vornüber gebeugten Boxerhaltung. Oder Felix, der behauptet, immer gut drauf zu sein. Und meist mit sinnentleerten Blick auf sein Handy starrt. Stumm. Und bleich.

Nun, Menschen maßen sich dann auch noch an, über unsere Gefühlslagen und Emotionen zu urteilen. Wobei ich mit uns nicht nur uns Kater meine, sondern Tiere allgemein – übrigens selbst Schlangen. Die sähen falsch aus. Sagt Laura. Und windet sich vor Ekel.
Nun, Menschen merken bei ihren Beurteilungen gar nicht, dass sie da den klassisch psychologischen Phänomenen der Projektion und des Anthropomorphismus unterliegen. He he. Klar, ich erkläre: Sie übertragen ihre eigenen Gefühlswelten auf Tiere und schreiben eben diesen Tieren menschliche Eigenschaften zu. Sehen in Hund, Katze, Maus quasi den Spiegel ihrer eigenen Gefühle.

Laura erzählt von einem Zoobesuch mit den psychisch kranken Jugendlichen aus ihrem Krankenhaus. Die 14-Jährige Jessy, gerade wegen ihres siebten Suizidversuchs wieder mal eingeliefert, steht vollkommen fasziniert vor dem Affengehege. Dort sitzt ein großes Exemplar auf einem Stein, Kopf nach unten gesenkt, schlaff, bewegungslos. Und Jessy: „Mann, ist der traurig. Der arme Affe. Voll depressiv. Wäre ich auch, wenn ich eingesperrt wäre.“

Was mich besonders nervt: Auch meine Leute betätigen sich ständig als Hobbypsychologen – mir und Coco gegenüber. Wenn wir geduldig und brav auf Futter warten, sagen sie, wir sähen „gierig“ aus. Wenn wir toben, sagen sie, wir sähen „frech“ aus. Wenn wir chillen, dann sagen sie, wir sähen „entspannt“ aus. Wenn sie selbst traurig sind, sagen sie, wir sähen traurig aus.

Und ich muss sagen – natürlich alles Humbug. Weil wir undurchdringlich sind. Auch wenn Forscher festgestellt haben, Kater könnten 276 verschiedene Gesichtsausdrucke machen. Weil wir ja durchaus Ohren, Kiefer, Augen und auch Schnurrbarthaare bewegen könnten. Ihr krasses Ergebnis: 45 Prozent dieser Ausdrücke seien freundlich, 37 Prozent aggressiv.
Als ob: Ich. Bin. Nie. Aggressiv!!! Sondern ein entspannter Tröster. Weil ich erkenne, was dem Menschen fehlt. Auf den Schoß meiner Bruna springe. Sie entspanne. Und glücklich mache. Was ich sofort in ihrem Gesicht erkenne. Alles gut. Sagt der psychologische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Achtet auf Projektion. Und chillt, Leute!