Aufbauen und zerstören im überfüllten Revier

Stress im Revier: Acht Menschen auf einem Haufen. Neben meinen ohnehin schon stressigen Leuten noch die Cousine meiner Bruna samt Mann und zwei Jungs – Gabriel: fünf und Hugo: acht Jahre. Superanstrengend. Das zu ertragen. Auszuweichen. Um nicht getreten zu werden. Chillplätze im Chaos zu finden. Und dann noch adäquat auf jeden Einzelnen zu reagieren. Ich tue mein Bestes. Und das ist ziemlich gut. You know.
Ich muss aber einräumen: Schon auch interessant, die Spezies Mensch direkt studieren zu können. Sie waren in einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Gähn also. Denke ich so. Arme Kinder. Und dann noch Hitze. Warum nicht chillen?



Nun, anders als erwartet kehren sie enthusiasmiert in mein Revier zurück. Weil in der riesigen Ausstellungshalle 400.000 – yes: 400.000 – Holzwürfel lagen – jeweils mit Kantenlängen von zehn Zentimetern oder so. Die von den Besuchern gestapelt – oder auch umgestoßen werden können.
Und Hugo begeistert, sie hätten das zweithöchste Haus in der Halle errichtet. Und sein Vater Ibo begeistert: Dutzende hätten gebaut, Kinder und Erwachsene Seite an Seite. Und meine Bruna begeistert: Sie habe auch gerne Strukturen gecrasht, um neue entstehen zu lassen. Und ihre Cousine Tara begeistert: Jeder darf, wie er oder sie will, so lange bestimmte Höhen nicht überschritten werden und andere verletzt werden. Ständig Veränderung. Wie das Leben.
Und ich denke so: Begrenzte Anarchie. Die eben ab einem gewissen Punkt nicht funktioniert.
Sie habe sich schon geärgert, als ein Besucher ihr mühevoll errichtetes Gebäude zerstört habe, erzählt meine Bruna. Gute Erkenntnis, denke ich so: Die Freiheit autonomen Handelns hat da Grenzen, wo sie die Freiheit von anderen berührt. Und einschränkt.
Spannend also doch irgendwie, diese Performance von einer Künstlerin namens Lina Lapelytes. Denn schließlich fordert sie: Findet Ausgleich. Was aber eben nicht jeder erkennt. Und deswegen sein Ding durchzieht.

Ich denke an Diktatoren, Autokraten, Trumps. Die nie akzeptieren, dass andere auch Rechte haben. Jetzt hat der Iran wieder US-Stützpunkte in Nahost angegriffen. Nach einigen Tagen relativer Ruhe. Und das widerwärtige „Spiel“ geht in die nächste Runde. Trump droht mit Vergeltung. Und es ist klar, dass er schon bald wieder iranische Stellungen angreifen lassen wird. Und der Iran wird daraufhin Rache üben.
Wann diese Spirale endet? Frage ich mich so und antworte selbst: Spätestens, wenn alle Bausteine weg sind. Sprich: Munition, Geld, Soldaten, Flugzeuge, Drohnen, Raketen…

Gabriel streichelt mich. Hugo wirft mit Bauklötzen, die ich kötergleich apportiere. Während die Alten wie Kinder um die Überreste einer Pizza streiten. Mir jedenfalls nichts geben. Ich fühle mich tatsächlich wohl. Doch nice, mit cringen Menschen. Vielen cringen Menschen. Sagt der milde Hauptstadtkater. Und jetzt: Baut auf. Und chillt, Leute!