Tag: 10. Juli 2026

  • 10. Juli 2026

    Nichts ist ewig – auch Surferparadiese nicht

    Sicher ist nur: Nichts ist unendlich. Trost und Drohung zugleich. Denke ich so. Irgendwann, in fünf Milliarden Jahren oder so, wird die Sonne keine Wärme mehr abstrahlen. Irgendwann wird der russische Angriffskrieg in der Ukraine aufhören. Irgendwann wird es US-Präsident Trump nicht mehr geben.

    Irgendwann wird meine arme Bruna, die mit ihren Eltern Laura und Felix in Frankreich in den Ferien abhängen muss, zurückkehren. Und irgendwann werden dann ich und Coco wieder pünktlich Futter bekommen. Von ihnen. Und Diego kann Weiterpennen. Tut er ja eh.

    Allerdings wollen Laura und Felix gar kein Ende ihrer Absenz von mir. Im Gegenteil: Sie sind ob der Tatsache, dass auch ihr heuriger Urlaub endlich ist, deprimiert. „Schon die Ankunft ist der Beginn des Abschieds“, sagt Felix. Und Laura: „Wie die Geburt der erste Schritt zum Tod ist.“

    Fröhliche Urlaubsgedanken. Die meine Bruna da aushalten muss. Denke ich so. Und mustere Coco, die chillend unter einem weichen mit Perwoll gewaschenen Handtuch liegt. Den Augenblick zur Unendlichkeit werden lässt. Und chillt.

    Während meine Alten in Lacanau Ocean an der französischen Atlantikküste tatsächlich dann doch auch Ähnliches versuchen. Den Kaffeegenuss auf der Terrasse, das sanfte Streicheln der milden Atlantik-Brise auf der Haut, der pastellfarben changierende Abendhimmel über weißen Schaumkronen, das Meeresrauschen – all das transformieren sie zur gefühlten Unendlichkeit.

    Wohl wissend aber, dass nicht einmal ihr Paradies, in dem sie chillen, ewig ist. Das habe ihnen ihre Surflehrerin Lea erzählt. Erzählen sie. Lacanau Ocean werde es bald nicht mehr geben. Das Meer fresse den Ort auf. 

    Wissenschaftler machten dafür den Klimawandel verantwortlich. Also, dass durch die Erwärmung der Meeresspiegel steige. Zitieren meine Leute Surflehrerin Lea. Yes really, meine Leute surfen. Aber das ist eine andere Story.

    Also, back zu Lea: Der Meeresspiegel sei in 20 Jahren um fast zehn Zentimeter gestiegen. Und wenn es stürme, verliere die Küste jedes Mal mehrere Meter an Strand. Auch die zu ihrem Schutz angehäuften Felsblöcke nutzten wenig – sie würden nach und nach unterspült. Ein ungleicher, aussichtsloser Kampf gegen die Natur.

    Was bedeute, dass die Zeit für die Strandpromenade und die an ihr liegenden Bars, Surfschulen und Cafés sehr endlich sei. Auch für die direkt dahinter liegenden Appartementanlagen. In 20 Jahren seien sie verschwunden. Der Wiederaufbau solle im Hinterland vonstatten gehen. Ab 2030 schon. 

    Meine Leute sitzen in der pittoresken Kayok-Bar direkt überm Meer. Auf der Großbildleinwand flimmert das WM-Viertelfinale Frankreich gegen Marokko. Meine Leute jubeln mit den Franzosen. 2:0. Macht Spaß, auf der Siegerseite zu sein. Gerade für Deutsche. Loser. Meine Leute genießen den Augenblick. Machen ihn zur gefühlten Ewigkeit.

    Und ich sehe Coco. Die das Handtuch abstreift. Weil eine Fliege sie überfliegt. Die Jagd beginnt. Der nächste unendliche Augenblick. Da Coco die Beute niemals bekommen wird. Sagt der ewige Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Saugt die Sonne auf, so lange sie scheint. Und chillt, Leute!