Missverständnisse, Wilde und Schwerhörige

Missinterpretationen sind an der Tagesordnung. Bei uns. In der Familie. Und die Missverständnisse fangen früh an: Wenn Coco und ich morgens um 5.28 Uhr an der Schlafzimmertür unserer Alten kratzen, tun wir das, weil wir spielen wollen. Gesellschaft wollen. Und Laura und Felix so, uns ankeifend: „Warum haben Katzen ihren Fresstrieb nicht unter Kontrolle? Und machen mitten in der Nacht solchen Lärm? Zerkratzen alles?“
Und ich denke so: Welch weirdes, welch krudes Missverständnis. Ich. Bin. Ein. Kater. Und: Wir wecken aus Liebe. Zu ihnen. Natürlich nicht aus Hunger. Jedenfalls meist nicht.
Das Spannendste an der Fußball-WM in Amerika sind die Storys rund um die Spiele. Vor allem jene über Missverständnisse. Finde ich so. Vor allem jetzt, wo unser Team draußen ist. He he. Also: Der Ex-Weltmeister und amtierende TV-Fußballexperte Bastian Schweinsteiger steht derzeit wegen einer Aussage im deutschen Fernsehen in französischsprachigen Ländern Afrikas und in Frankreich voll in der Kritik.

Beim Spiel Deutschland gegen Elfenbeinküste hatte er vor einigen Tagen gesagt, die Elfenbeinküste spiele unorthodox, typisch afrikanisch und – jetzt kommt es – „wild“. In dem Sinne von chaotisch oder unsortiert. Die französische Übersetzung von wild lautet „sauvage“. Und scheint in Frankreich in bestimmten Kontexten ähnlich rassistisch aufgeladen wie hierzulande das N-Wort zu sein.
Warum? Nun, ich lerne: In der französischen Kolonialgeschichte wurde mit „sauvage“ das Unzivilisierte, Rohe, Barbarische bezeichnet, das afrikanischen Völkern mitunter unterstellt wurde. Und prompt wird Schweinsteiger nun vorgeworfen, rassistisch argumentiert zu haben. Den Spielern der Elfenbeinküste quasi das zivilisierte Menschsein abgesprochen zu haben.

Der Trainer der ivorischen Nationalmannschaft muss sich verhalten – und spricht empört von einer menschlichen Enttäuschung, weil er Schweinsteiger als Spieler so bewundert habe. Und der muss sich nun für eine Sache rechtfertigen, die er gar nicht gesagt hatte. Und erst recht nie so gemeint hätte. Denn ich bin sehr sicher: Schweinsteiger ist kein Rassist. Eher das Gegenteil.
Es ist eben so, wie wenn man einem Schwerhöriger sagt, man sei gegen die AfD – und der einen empört fragt, warum man für eine solche Partei sei. Woraufhin man darlegen muss, dass man eben kein AfD-Fan sei. Ich fühle mich auch erinnert an einen Liebhaber, der ein Fenster schließt, um der Liebsten einen Durchzug samt Erkältungsgefahr zu ersparen – diese ihm dann aber vorwirft, er wolle wohl ihren Erstickungstod.

Es eben falsch ist, egal, wie man es macht. Missverständnisse überall. Meine Leute sind endlich aus ihren Betten aufgestanden. Coco und ich hüpfen um sie herum. Und sie füllen unsere Näpfe. Wäre doch gar nicht nötig. Denke ich so. Wir wollen doch nur spielen. Sagt der kauende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Stellet alles in den richtigen Kontext. Und chillt, Leute!