Geschlechtstrieb anno 1922 – Knapp 30 Grad in der Nacht

Die Vorstellung, dass alte Menschen mal jung und leidenschaftliche Liebhaber waren, ist für junge Menschen genauso absurd wie die Vorstellung, dass sie selbst mal alt und gebeugt sein könnten. Denke ich so, als meine Bruna mühevoll einen in wundervoll verschnörkelter Schrift verfassten Brief entziffert.
Aus dem Jahre 1922. 1922! Von ihrem Uropa Kurt an seine Geliebte, Uroma Flora. Heißblütig schreibt er: „Was du unliebsam an mir empfindest, sind die Gefühle des Geschlechtstriebs, der beim Mann naturgemäß stärker ist als bei der Frau. Liebe und Gefühl sind wohl zu unterscheiden.“ Und: Ich liebe dich mit ganzem Herz.“
Puuh, wie schön. Wie offen. Vor mehr als 100 Jahren. Und mir wird heiß und heißer. Als mein Blick auf die pralle Coco fällt. Was wohl auch an den Temperaturen liegt. Die auch in der Nacht kaum noch unter die 30-Grad-Grenze sinken. 29,4 Grad zeigte das Thermometer in einem Ort in Sachsen-Anhalt. Deutschlandrekord für die Nacht. Tagsüber der nächste Rekord, der dritte in Folge! 41,7 Grad, irgendwo in Brandenburg.

Es ist so hot, dass in Nürnberg und Leipzig der Straßenbahnverkehr eingestellt wird – wegen Hitzeschäden. Die Deutsche Bahn empfiehlt Reisenden, nicht zu reisen. Natürlich reisen trotzdem viele. In Brandenburg bleibt ein ICE auf offener Strecke stehen. Weil ein durch einen Sturm entwurzelter Baum die Oberleitung beschädigte – Stromausfall.
Ohne Strom nicht nur Stillstand, auch die Klimaanlage fällt aus. Und die Türen des ICE lassen sich nicht öffnen. Die rund 630 Passagiere müssen aus der Sauna befreit werden, drei von ihnen kommen mit Hitzekollaps in die ohnehin vollkommen überlasteten Krankenhäuser.
Und dann gibt es durch die Hitze begünstigte Waldbrände, in Rheinland-Pfalz besonders prekär, weil das Feuer in einem Gebiet mit Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg wütet. Ein Dorf wird evakuiert. Frankreich meldet 1.000 zusätzliche Todesfälle durch Hitze.

In Frankfurt am Main allerdings bleiben sie eisern: Die Ironman-EM wird durchgepeitscht. Immerhin, auf verkürzter Strecke. Nach knapp fünf Stunden meint der Sieger, es sei doch ziemlich warm gewesen. Und steckt den Kopf in einen Wassereimer.
Der Opa Volker meiner Bruna ist auch ein Ironman. Er verzichtet freiwillig auf den kühlen Schlafplatz im Keller-Studio seines Hauses. Und bleibt im hitzegeeschwängerten Schlafzimmer im ersten Stock. Warum? Weil er dort gut schlafe . Keller möge er nicht. Sagt er.
Eisern. Eiserner. Trump. Der in der Hitze der Waffenruhe dem Iran zum x. Mal mit Vernichtung droht. Wer glaubt das noch? Egal, Diego stöhnt. Als er den Brief von Uropa Kurt entziffert. Wie kompliziert Sprache doch früher gewesen sei. Meint er. Ihm gefalle die Sprache heutzutage besser. Und ich frage mich so, welche? Die der Emojis?

Beispielsweise Herzchen. Die für Liebe stehen könnten? Aber: eben dafür stehen sie nicht. Herzchen bekommt heute jeder. Einfach für nette Äußerungen. Nun, ich nähere mich Coco an. Maunzend. Und really, ohne Geschlechtstrieb. Denn der ist entsorgt. Übrigens auch bei ihr. Sagt der enteierte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Schreibt Liebesbriefe. Und chillt, Leute!