Tag: 26. Mai 2026

  • 26. Mai 2026

    Kotzen bei der Suche nach dem Familien-Nazi

    Lernen Lebewesen aus der Vergangenheit? Ich denke: leider nein. Coco frisst Palmenblätter und kotzt hernach – erbärmlich von schmerzhaften Krämpfen geschüttelt – die langen Fasern wieder raus. Obwohl ich ihr zuvor schon zigmal mitgeteilt hatte, dass diese Blätter Magenschmerzen verursachen – und Katergras dagegen nicht nur einen Flash macht, sondern auch zum Kotzen weitaus besser geeignet ist.

    Und der Mensch so? Lernt der? Nun: Weltweit sind Rechtspopulisten und -extremisten auf dem Vormarsch. Trotz aller Erzählungen aus der Nazivergangenheit. Die gerade wieder mal einen Konjunktur-Booster bekommen. Denn derzeit ist es nach dem Motto: „Sucht den Familien-Nazi“ zu einem regelrechten Sport geworden, in von „Spiegel“ und „Zeit“ digital aufbereiteten NSDAP-Mitgliederakten Angehörige ausfindig zu machen.

    Felix gibt den Namen seines Großvaters ein. Sofort leuchtet die dazugehörige Akte auf. Eintrittsdatum in die Nazi-Partei: 1. Mai 1933 – wenige Wochen nach der Machtübernahme der Hitler-Partei. Kann man den Großvater dafür anklagen? Nein. Sagt sein Sohn, der Opa meiner Bruna. Denn sein Vater habe nie jemanden etwas Böses angetan, sei ein hilfsbereiter und guter Mensch gewesen, sagt Opa Volker.

    Und ich bin irritiert: Denn was bedeutet denn nun ein Treffer in diesen Datenbanken? Der Historiker Martin Winter erklärt, ein Parteieintritt alleine sage wenig darüber aus, wie sich eine Person im Nationalsozialismus tatsächlich verhalten habe. Klar sei aber, durch den Beitritt habe man eine Zustimmung signalisiert. Klar sei aber auch umgekehrt: jemand, der nicht in den Dateien auftauche, könne trotzdem durchaus etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt haben.

    Und ich denke so: Kann jemand wirklich von sich behaupten, er oder sie wäre 1933 nicht in diese Partei eingetreten? Klar: Mit dem heutigen Wissen, natürlich nicht. Behaupte ich. Dann aber doch zweifelnd. Denn in Umfragen liegt die rechtspopulistische AfD mittlerweile auf Platz eins. 

    In der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar gibt es seit kurzem Präventionsteams, liest Felix aus einer Reportage der „Süddeutschen Zeitung“ vor. Mittlerweile posierten einige vorwiegend junge Besucher mit Hitlergruß vor dem Eingangstor, kletterten in Verbrennungsöfen und posteten davon Fotos auf Instagram. Einige wüssten nicht einmal, wie der Zweite Weltkrieg endete.

    Aber es gebe da auch Menschen um die 50, die einfach behaupteten, die ganzen KZ-Geschichten mit den Masssenmorden seien Märchen, durch nichts bewiesen. Selbst wenn die Präventionsleute ihnen erklärten, dass es Tagebücher von damals, Briefe und von Historikern ausgewertete Dokumente gebe, werde geantwortet: Nein, das seien Geisteswissenschaften, die könne man so oder so auslegen.

    Kotzen ist kotzen. Und genausowenig wie der Holocaust Auslegungssache. Ob mit Gras oder Palmenblättern. Sagt der würgende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Zieht Lehren aus der Geschichte. Und chillt, Leute!