Tag: 25. Mai 2026

  • 25. April 2026

    Die Leiden des jungen C. – In Würde altern geht nicht

    Die Zeit ist wie die Erdrotation. Sie ist da, aber ich spüre sie nicht. Das Leben läuft so vor sich hin – unerbittlich. Und selbst ein vermeintlicher Stopp ist in dem Moment schon wieder Vergangenheit, in dem ich ihm gewahr werde.

    Immerhin merke ich dann, dass es so etwas wie Zeit wirklich gibt. Weil sich Dinge verändern. Wenn da plötzlich auf meinem geliebten Sonnenplatz ein riesengroßes Tier chillt, das vor einem Jahr noch gar nicht auf dieser Welt war. Und mich mittlerweile überragt. Zumindest was die Körperhöhe betrifft. Coco eben. 

    Älter werden. „Ab welchem Zeitpunkt hat sich das eigentlich gedreht, dass man nicht mehr älter werden wollte?“ Höre ich Felix Laura fragen. Und sie so: „Als Kind habe ich mich immer gefreut, ein Jahr älter zu werden, dann volljährig zu werden. Aber ich glaube, ab Mitte 20 ist so ein Punkt erreicht, da will man nicht mehr.“ Felix nickt: „Genau, die 30 war die erste Grenze, die alle verflucht haben. Das endgültige Ende der Jugend. Erwachsensein. Und der Beginn des Verblühens.“

    Und ich kann bestätigen: Felix und Laura verwelken nicht nur äußerlich. Heute ärgerten sie sich darüber, dass meine Bruna dieses – ich zitiere: Handy-Aufladeding eingesackt habe. Beide überlegen lange, wie das Ding denn nun wirklich heißt. Kommen nicht darauf. Dass sie sich über eine vermisste Powerbank ärgern.

    Die übrigens wie immer auf ihrem Nachttisch liegt. Und ich räume ein – ich bin nicht ganz unschuldig, dass sie eben diese Powerbank nicht entdeckt haben. Denn bei meiner letzten Jagd durchs Revier touchierte ich ein Buch, das dieses Gerät unter sich begrub. Titel des Buchs: „Die neuen Leiden des jungen W.“ Von Plenzdorf.

    Ich leide auch. Weil meine Leute keine Rücksicht auf mein empfindliches Gehör nehmen. Und der Song „Hier kommt Alex“ durch mein Revier dröhnt. Sie schauen eine Reportage über die Düsseldorfer Kult-Band Die Toten Hosen. Ihr Macher Campino will nicht mehr. Sagt, er wolle in Würde altern. Und kündigt das letzte Album an – nach mehr als vier Jahrzehnten.

    Sein Rucksack des Lebens, der werde immer schwerer, sagt der Mann, der mittlerweile 63 ist. Und erzählt, das künftige Rentnerleben habe er sich anders vorgestellt, als es jetzt sicher werde – denn er sei nochmals Vater geworden. Und ich denke so: Ja, ja, Würde, Rucksack des Lebens. Passiert des Öfteren, dass man selbst Schuld ist, dass der so voll ist. Und schwer.

    Coco bleibt auf meinem Sonnenplatz liegen. Ich tappe von dannen. Sehe mit Wehmut, mein Platz ist vergangen. Will ins Bett meiner Alten springen. Würde gerne laut singen: „Hier kommt Charlie“. Ohne Rucksack. Aber mit Hängebauch. Sagt der alternde Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Würdigt den Moment. Und chillt, Leute!