Verhext von meiner Bruna – Die Prüfung

Sie ist meine Hexe: Meine Bruna. Wo sie ist, da will auch ich sein. Und sie muss mich nicht einmal mit Leckerli locken. Nein, es ist ihre pure Ausstrahlung, absolute plus Aura. Mit der sie mich verzaubert. So dass ich auf ihrem Rücken spaziere. Richtung Schulter. In Trance. Die geradezu mystische Verbindung zu ihr spüre.
Eine symbiotische Beziehung, die es so oder ähnlich seit Jahrhunderten zwischen Kater und Hexe gibt. Ich also als ihr magischer Gefährte. Der sie beschützt. Vor dem Säubern von Katerklos. Vor Geige-Üben. Vor bösen Lehrern. Und Lehrerinnen. Vor ihren Alten. Vor Coco. Indem ich ihr Kräfte einhauche. Die sie widerstandsfähig machen. Bilde ich mir mal so ein. Und spüre ihre Kraft. Die Macht meiner Bruna, die sich auf mich überträgt.
Bin ich sie? Ist sie ich? Wo doch die Legende behauptet, Hexen hätten sich auch in Katzen verwandeln können. Um unerkannt zu entkommen. Oder zu verreisen. Woher ich das alles weiß?Weil sie, meine Bruna, morgen mit ihren Freundinnen Uma und Frida in der Schule eine sogenannte MPA-Prüfung macht – übersetzt: Mediengestützte Projektarbeit. Zur Vorbereitung aufs Abitur.

Also, die Drei präsentieren Geschichte und Bedeutung von Hexen. Vom Mittelalter bis heute. Bei Shakespeare und Goethe. Und in Filmen wie Bibi Blocksberg oder dem Blair-Witch-Project. Tja: Viel Reden tat meine Bruna ja noch nie – und in den vergangenen Monaten noch weniger. Aber ein bisschen was habe ich mitbekommen. Beispielsweise, dass die Katzen von Hexen schwarz sind – und nicht weiß.
Was allerdings falsch ist. Wenn ich mich so sehe. Meine Bruna ist empört. Darum gehe es überhaupt nicht. Thema des Vortrags sei vor allem Feminismus. Natürlich seien es Männer gewesen, die den Begriff Hexe geprägt haben – im Mittelalter. Sie hätten vor allem mystisch wirkende, unabhängige Frauen, die sie fürchteten, als Hexe abqualifiziert, um deren Unterdrückung – und Verbrennung – zu rechtfertigen.


Unfassbar, dass heute in einigen Ländern Afrikas, aber auch in Asien noch immer geschätzt Tausende Frauen jedes Jahr gefoltert und getötet würden, denen vorgeworfen wird, Hexe zu sein. Sagt meine Bruna. Während der Begriff Hexe hierzulande mittlerweile auch positiv besetzt sei – manchmal.
Moderne Hexen seien meist junge, selbstbewusste Figuren wie bei Bibi Blocksberg oder auch Harry Potter. Und auch Influencerinnen, die vorgeben, Magie zu nutzen, und ihr Tun mit Umweltschutz und Selfcare verbinden. Sagt meine Bruna. Und: Sie würden als Ikonen des Feminismus gelten.

Ich weiß: Meine Bruna muss eine Hexe sein. Weil sie stark ist. Unabhängig. Mystisch. Magie von ihr ausgeht. Fühle ich so. Auf ihrem Rücken chillend. Sie ist der einzige Mensch, der katergleich authentische Chill-Vibes auf mich übertragen kann.
Die mit ihren Mit-Hexen Uma und Frida die Lehrer und Lehrerinnen ihrer Schule bei der Prüfung morgen verzaubern wird. Sagt der hexende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Lasst euch auch verzaubern. Und chillt, Leute!