Uhren-Storys: Fröstelnd von der Zukunft in den Weltuntergang

Kälte überall. Ich hasse Kälte. Nicht nur draußen, wo selbst der weiße glänzende Schnee nicht verhindern kann, dass der Hauch der Düsternis in mein Revier zieht und mich umhüllt. Sondern auch hier drinnen. Setzt sie sich fest. In mir. Denke ich so. Fröstelnd.
Während ich oben auf dem Küchenschrank sitze. Unter der Jahrzehnte alten Werksuhr aus den Eilenburger Chemiewerken. Die mittlerweile seit drei Jahrzehnten nicht mehr tickt. Und bei sechs Minuten vor acht stehen blieb. Damals nach der Wende in den 90ern, als der Strom in der ehemaligen DDR-Vorzeigefabrik, in der Hans, Opa meiner Bruna, arbeitete, endgültig abgeschaltet wurde.

Auch die sogenannte Weltuntergangsuhr könnte bald aufhören zu ticken. Wenn man Wissenschaftlern in Washington glauben darf, steht es so schlecht um die Menschheit wie noch nie – zumindest seitdem diese Uhr eingerichtet wurde. Und das war 1947. Die Zeiger stünden nun 85 Sekunden vor Mitternacht – wobei Mitternacht das Ende bedeuten soll. So dicht sollen die Zeiger noch nie davor gestanden haben.


Warum? Nun, die Wissenschaftler sagen, die Atommächte Russland, China und die USA agierten zunehmend aggressiv, die Klimakrise schreite voran, Künstliche Intelligenz entwickle sich quasi ungebremst.


Puuh, ich fröstle weiter. Höre dann aber von einer Uhr, deren Exit auch mal was Positives hat, wenigstens ein ganz klein bisschen… Nun, heute schalteten die Israelis diese Uhr nach 843 Tagen und zwölf Stunden in Tel Aviv auf dem Platz der Geiseln ab – weil endlich alle lebenden und toten Entführten aus dem Gazastreifen zurück in Israel sind.
Gefeiert wird das von vielen als symbolischer Moment des Abschlusses. Nun, immerhin. Denke ich so. Und fröstelte trotzdem. Trotz des etwas positiven Zeitpunkts.
Denn die Zeit fließt weiter. An mir vorbei. Unbegreiflich. Für mein kleines Hirn. Kaum an Zukunft gedacht, ist Zukunft Vergangenheit und ihre Gegenwart nicht erfasst. Denke ich so. Erneut schaudernd. Und ich würdige Menschen mit Zeit, die beispielsweise Teilzeit arbeiten – um mehr Zeit für Leben, Gegenwart, Menschen und Kater zu haben.


Ich hüpfe herab vom Küchenschrank. Weg von der kalten, stillstehenden DDR-Werksuhr. Hin zu Diego. Der entspannt auf der Bank sitzt. Liest. Und. Zeit. Hat. Für. Mich. Ich darf auf seinen Schoß. Mir wird warm. Sagt der entspannte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Nehmt euch Zeit. Und chillt, Leute!