Tag: 23. Januar 2026

  • 23. Januar 2026

    Liebe kann so schön sein und der erste Eindruck so falsch

    Der erste Eindruck. Oft so falsch. Denke ich so. Und sehe, wie Laura heute trotz Freitagabend – sprich: Wochenende – mit zornesrotem Gesicht in mein Revier stürmt. Schwingt einen Brief, mit Herzen verziert, über ihren wehenden Locken. „Das gibt es nicht“, zürnt sie. „Jetzt hat ein Psychiatrie-Patient auch noch meine Adresse. Und stalkt mich. Das kann nur Jannik sein. Der Psychopath schaut mich schon die ganze Zeit so komisch an.“ Das müsse sie sofort der Klinik melden, das gehe zu weit.

    Und ich so: Schlüpfe in meine große Rolle: Die des Beruhigers. Und. Liege. Schon. Auf. Ihrem. Schoß. 

    Während meine Bruna strahlend eintritt. Erfüllt vom Praktikum in der Ergotherapie-Praxis. Letzter Tag. Schade. Sagt sie. Menschen helfen – das mache so viel Spaß. Die Chefin schrieb zum Abschied eine Karte an meine Bruna: „Das Team hat deine Anwesenheit genossen und die Patienten wurden belebt und aktiviert durch dich.“

    Und ich denke so: Denen geht es mit meiner Bruna wie mir. Und denke dann, wie meine Bruna vor gerade mal knapp zwei Wochen nach dem ersten Tag gesagt hatte, sie langweile sich so und würde so gerne wieder in die Schule. Tja, der erste Eindruck… 

    Laura lässt sich nur schwer beruhigen. Trotz meinereiner. Reißt den Brief auf. Sieht Herzchen prangen. Und greift zum Handy. Schildert der Chefin ihre Vermutung. Ich schnurre. As schnurr can. Und plötzlich – da spüre ich die Übertragung. Lauras Gesichtszüge werden weich. Ihre Wangen erglühen. Sie erstrahlt. Im Glanze dieses Glücks.

    Denn sie erkennt: Der Brief stammt nicht vom Patienten. Sondern. Von. Felix. Wie einst, vor drei Jahrzehnten. Habe er geschrieben. Sagt sie da.

    Und sieht: Die aufs Briefpapier gemalten Herzen sind stilisiert. Die skizzierten voluminösen Figuren verliebte sogenannte Nanas. Und ihr fällt ein: Felix war jüngst in Hannover in einer Ausstellung von Niki de Saint Phalle, der Nana-Schöpferin, die für Liebe, Leidenschaft, Leben steht. Und ich denke so: Wie kitschig, der Mensch – kotz, würg, spuck. Oder so. 

    Während Coco mich vertreibt. Von Laura. Vom Liebesbrief. Und ich Coco dafür hasse. In diesem Moment. Dann auch noch die Polizei anruft und Laura fragt, ob sie den Brief des Psychopathen mal schicken könne, damit sie den Stalker ausfindig machen könnten. Die Klinik-Leiterin habe sie informiert. Und Laura reumütig einräumt, sich getäuscht zu haben.

    Der erste Eindruck eben. Coco schiebt mir ein Leckerli zu. Das unter dem Brief lag. Deswegen also attackierte sie den Brief und mich. Und ich denke so so – sie ist eben doch eine Gute. Liebe für immer. Sagt der getäuschte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Misstraut dem ersten Eindruck. Und chillt trotzdem, Leute.