Deprimiertes Neues Jahr und Böller-Wahn

Angst. Panik. Meine ersten Gefühle des Jahres. Und ich denke so: Von wegen Frohes Neues. Deprimierendes Neues Jahr. Würde besser passen. In meinem Berliner Revier knallt, kracht und blitzt es zum Jahresauftakt unaufhörlich. Stundenlang. Meine menschlichen Trostspender sind weg. Ausgeflogen, zu Partys. Auch meine Bruna. Ich ducke mich. Sprinte vom Schlafzimmer in die Küche. Mit der zitternden Coco im Schlepptau. Aber egal, wo wir sind. Selbst der Innenhof detoniert. Raucht.
Wie im Krieg. Denke ich so. Finden Menschen offenbar cool. Und wenn sie schon nicht selbst in Gaza, in Syrien, im Sudan oder der Ukraine rumknallen können, dann wollen sie ganz offensichtlich wenigstens Krieg spielen. Hier. Im Revier.

Ich sehe bei uns im Park Horden vorwiegend junger Männer Raketen abschießen. Höre Diego. Der mit Freunden in Kreuzberg, im Zentrum, quasi an der Front agiert. Beobachtet, dass unten vor allem arabisch-stämmig aussehende Männer nicht nur rumböllern, sondern mit Schreckschusspistolen Salven abschießen. Während von den Balkonen überwiegend deutschstämmige junge Männer gaffen. Und sie anfeuern.
Krieg auch in Isernhagen, dem Dorf bei Hannover, in dem der Opa und die Oma meiner Bruna wohnen. Feuerwerk im Wert Zehntausender Euro wird verballert. 14-Jährige rüsten bereits in der Dämmerung zum Wettkampf, testen, wer eine brennende Rakete am längsten in der Hand hält. Um sie dann in Richtung der promenierenden Felix und Oma Lotte starten zu lassen.
Und ich denke so: Krass, dass ich als Demokratiefan hinterfrage, ob eine Diktatur vielleicht doch auch positiv sein kann? Um Verbote konsequent durchzuziehen? Denn alljährlich wird diskutiert, ob der private Böllerei-Wahnsinn verboten werden sollte. Passieren tut nichts.

Weil einige böllern wollen. Andere Böller produzieren wollen. Und auf mich eh keiner hört. Aber: In den Niederlanden klappt es. Mit dem Böller-Verbot. Mehr oder weniger. Letztmals durfte zu diesem Jahreswechsel privat legal runterknallt werden. Allerdings: Einige machte diese Aussicht wohl erst recht aggressiv. Sie plünderten Geschäfte, griffen Polizisten mit Feuerwerkskörpern an, brannten in Amsterdam eine Kirche ab. Zwei Menschen starben beim Hantieren mit Feuerwerk.
Die echte Hölle aber erlebte Crans Montana in der Schweiz. Da feierten Hunderte junge Menschen Silvester in einer Bar. Und plötzlich brannte es. Panik, Chaos. Rund 40 Menschen kamen ums Leben, 115 wurden verletzt. Viele lebensbedrohlich. Warum es brannte – die Frage ist noch offen.

Was für ein Start in dieses 2026. Denke ich so. Und setze mich an den Küchentisch. Blicke raus. Ins Grau. Die vom Sturm geschüttelten Äste. Fühle mich wie betäubt. Es fiept noch. Im Ohr. Und ich weiß: Das ist keine Mausquietschen, das ist Tinnitus. Durch Lärm.
Aber ich bleibe positiv: Ruhig. Ruhiger. Charlie! Sagt der taube Hauptstadtkater. Der gerne über euch wachen würde. Wenn Ihr es nur zulassen würdet. Und jetzt: Böller zu Pflugscharen. Für ein Frohes Neues Jahr. Chillt!