Tag: 29. Dezember 2025

  • 29. Dezember 2025

    Nostalgische Momente: Ein Chor saniert das Deutschlandbild

    Ach, diese Nostalgie. Vor allem zum Jahresende hin. Wenn Rückblicke Hochkonjunktur haben. Zumindest bei den Menschen. Und ich bemitleide sie. Weil sie dabei so weinerlich und weich werden. Während ich. Und meine Spezies. Im Hier und Jetzt lebt.

    Kater und Katzen genießen den Moment. Und versinken weder in der Vergangenheit. Noch schweifen sie in die eh nicht prognostizierbare Zukunft. Und können sich so durch unnütze Gedanken denn auch nicht selbst die Gegenwart versauen.  Denn klar ist: Die Butter ist weg. Wenn man abschweift – und zu lange wartet. He he.

    Okidoki – mögen Menschen eben schwadronieren. Auch über ihre Vergangenheit. Wenn ihnen das in der Gegenwart Lustgewinn bereitet. Ich akzeptiere. Und bin da ganz tolerant. Weil es auch mir Vorteile bringt. Wenn sie abgelenkt sind. Und der Frühstückstisch uns gehört. Also Coco und mir.

    Und so höre ich gerne zu, wie Oma Lotte, die Oma meiner Bruna, erzählt – von ganz früher. Die 1950 und 60er Jahre in Nachkriegsdeutschland. Eine Zeit, in der ihr Chor, die Schaumburger Märchensänger, im Ausland zu Botschaftern eines Deutschlands mit freundlichem Antlitz wurden.

    Vor allem in den USA. Wo der Chor das US-Publikum mit deutschem Volksliedgut und seinem Hit von „Mein Vater war ein Wandersmann“ verzauberte. Und die großen Säle bei den mehrmonatigen Tourneen ausverkauft waren. Der Chor von US-Zeitungen gefeiert wurden. Neun Mal sei sie dort auf Tournee gewesen.

    Oma Lotte erzählt davon, wie sie als Sprecherin des Chors den Fußball-Weltstar Pelé begrüßte. Und nach einem Konzert auf der Bühne Walt Disney ein Küsschen gab. Wie ihr von der Chorleitung aufgetragen wurde, sie solle Reportern erzählen, fast alle Jungs und Mädchen des Chors kämen aus einem Waisenhaus – was die Geschichte noch rührseliger machten sollte.

    Und wie dann die Vogue mit ihr ein Foto-Shooting veranstaltete. Und es normal war, dass die jungen Mädchen sich beim Foto-Date nur ein Handtuch über den Oberkörper legten. Und das Foto mit ihrem Porträt später zum Verkauf angeboten wurde. Mit der Unterschrift: Singender Junge eines deutschen Kinderchors.

    Also schon damals, alles androgyn. Denke ich so. Oma Lotte erzählt weiter, sie alle seien geflasht gewesen von den USA. Von der Freundlichkeit. Dem Reichtum. Den Telefonzellen. Den großen, bunten Autos. Später sei sie von einem Millionär zusammen mit ihrer Mutter in die Staaten eingeladen worden. Pure Gastfreundschaft. Ohne Hintergedanken.

    Beim Besuch des UN-Hauptquartiers in New York sei der Chor von der Menschenrechtsaktivistin Eleanor Roosevelt, Witwe des US-Präsidenten Franklin Roosevelt, empfangen worden. Oma Lotte erzählt, damals habe sie beim Blick auf die Flaggen der Länder, die in den UN seien, zu Roosevelt gesagt: „Wenn dort doch auch die deutsche Fahne hängen würde. Dann gibt es nie wieder Krieg.“

    Und ich denke so: Der Wunsch ging eigentlich in Erfüllung. Anfang der 70er Jahre wurde Deutschland in die UN aufgenommen. In Mitteleuropa herrscht seit einer relativ langen Zeit Frieden. Aber: Die Kriege kommen näher. Die UN werden entmachtet. Und in den USA zerstört ein Präsident Trump die Demokratie.

    Und ich sehe. Wie Coco den Esstisch besetzt. Die Leckereien anvisiert. Und dann die Butter schleckt. Voller Genuss. Im Hier und Jetzt. Der Gegenwart. Weil alle abgelenkt sind. Von Oma Lottes Erzählungen. Selbst Schuld also. Sagt der nostalgische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Widmet euch der Vergangenheit, aber vergesst darüber die Gegenwart nicht. Und chillt, Leute.