Der Tod der Maus – Drama in fünf Akten

Die Maus ist tot! Oh Gott! Ohne meine Hilfe! Jene Maus, die die WG meiner Nuria in Freiburg in Angst und Schrecken versetzt hatte. Und meine Nuria jetzt: Extrem erleichtert. Wie befreit. Ja, sogar glücklich. Darüber, dass ein Lebewesen in ihrem Revier gekillt wurde. Das eigentlich ich hätte töten sollen; ein Mordauftrag, den ich aus ethischen Gründen vor wenigen Tagen ja abgelehnt hatte, wie nachzulesen ist. Nun, ein WG-Mitbewohner meiner Nuria übernahm den Job – und mordete. Ein Drama in fünf Akten, wie in der Antike, völlig losgelöst.
Kapitel eins: „Die Erscheinung“. Meine Nuria erzählt: Plötzlich ein Schrei aus dem Zimmer von Mitbewohnerin Frida. Kreidebleich sei sie aus ihrem Zimmer gestürmt – aus der Schublade mit ihrer Unterwäsche sei die Maus gesprungen, habe sie weinend gestammelt. Es sei so gruselig. So eklig. Oh. My. God. Drama eben, denke ich so.

Und höre meiner Nuria zu, die Kapitel zwei vorträgt. Titel: „Die Jagd“. Hier Hauptperson und Held in spe: Noah, seines Zeichens WG-Veganer. Und stolz darauf. Nun, er habe sich einen Papierkorb geschnappt, bevor er das Mauszimmer betreten habe. Erzählt meine Nuria. 30 Minuten hätten er und die Maus sich eine Schlacht geliefert. Er hinter ihr her, sie weg. Und Mäuse – das weiß selbst ich, sind schnell. Und klein.
Nun, Noah habe unermüdlich versucht, ihr den Papierkorb überzustülpen. Dann sei er dazu über gegangen, den Papierkorb in ihre Richtung zu werfen. Und spätestens ab diesem Zeitpunkt bekomme selbst ich, der Mäusehäscher Numero uno – Mitleid. Mit der Maus. Nun Dann habe Noah die panische Maus getroffen. Die sei getaumelt, habe geschwankt, sei fast gefallen.

Kapitel drei: „Das Ende“. In der Hauptrolle: WG-Mitbewohner Willem. Der habe das verletzte und zuckende Tier ergriffen, nachdem er sich Handschuhe übergestülpt habe. In einem Online-Schnell-Voting habe sich die WG dann einstimmig für eine schnelle Tötung der Maus ausgesprochen. Damit sie nicht leiden müsse. Schwadroniert meine Nuria ganz offensichtlich ohne jedwede Reue.
Und ich staune, wie kaltblütig sie sein kann. Und fröstele – als sie weitererzählt, vollkommen empathielos, dass Willem die Maus dann in den nahen Bach geworfen habe. Und ich denke so: Oh, die arme Maus, wenn sie nun paddelte? Mäuse können schwimmen. Und sie gar nicht gestorben ist? Ich kann kaum glauben: Ich. Habe. Empathie. Mit. Einer. Räudigen. Maus.

Kapitel vier: “Die Aufarbeitung“. Meine Nuria war während des Mords draußen. Sie habe das nicht ertragen können, eine Maus in ihrer Wohnung. Nun aber seien alle WG-Leute froh, dass die Maus weg sei.
Aber es sei eben vor allem für die Mörder auch ein ambivalentes Gefühl. Denn das Töten einer Maus sei eben doch was Anderes als das Töten einer Fliege. Sie selbst aber sei nur froh. Sagt meine Nuria. Denn sie finde Mäuse eklig. Würden doch überall hinkacken. Und ich bin erneut erschüttert. Über sie. Denn auch Mäuse könnten ja auf Katertoiletten gehen. He he.

Kapitel fünf: „Die Wiederkehr“. Hat die Maus überlebt? Hat sie Nachahmer? Nachkommen? Gibt es Gespenster? Rächer? Die WG habe abends in der Küche gesessen. Grübelnd. Erzählt meine Muriel. Der Rausch weicht dem Kater. Mir.
Und ich höre Kremldespot Putin in Moskau sagen, wenn Europa Krieg wolle, Russland sei bereit. Wieder überzieht mich das Frösteln. Und ich merke, dass ich definitiv lieber mit Spielzeugmäusen kuschle als echte zu morden. Sagt der mausige Hauptstadtkater. Der über wacht. Und jetzt, Leute: Tötet Mäuse. Und fühlt, was ihr dabei fühlt. Zieht daraus eure Schlüsse. Vor allem aber: Chillt. Und nehmt mich nicht zu ernst…