Warum ich nicht dick bin, aber als dick bezeichnet werde

Altern tue ich von alleine. Für mich mehr oder weniger unbemerkt. Weil schleichend. Für andere, die mich länger nicht gesehen haben. Offenbar erschreckend. Schockierend. „Der ist ja dick geworden“, blamed mich heute tatsächlich eine eigentlich nette Nachbarin, die mich länger nicht gesehen hatte. „Und Charlie, du wirkst auch recht ruhig und gediegen, richtig alt“, fährt sie fort, als Coco an mir vorbei jagt.
Ja – manchmal geht es eben doch schnell, mit dem Altern. Sage ich mal so, mit meinen zarten dreieinhalb Lenzen. Eben noch – bis zu Moros Tod vor vier Monaten – war ich der Kleine. Und Moro mein großer Katerbruder, war der weise, ruhige, knurrende und langweilige Typ. Ich dagegen: Wild. Ungestüm. Spontan. Angeknurrt.
Dann kam Baby Coco im September in mein Revier. Ein krasser Wildfang. Selbst aus meiner Perspektive. Unstoppbar. Flausen – oder gar nix? – im Kopf. Und ich dachte plötzlich so: Nervt ganz schön – da sollte wenigstens einer im Chaos cool bleiben: Ich! Was natürlich Kraft kostet. Energie verlangt. Die ich mir hole. Durch Cocos leckeres Kittenfutter. Was kann ich dafür, dass es aufbläht? Rhetorische Frage, die ich zur Sicherheit mal selbst beantworte: Nichts!


Es gibt einen sogenannten Drogenbeauftragten der Bundesregierung namens Hendrik Streeck. Der CDU-Politiker hat einen ziemlich irren Vorschlag gemacht: Sehr alten Menschen sollten bestimmte, besonders teure Medikamente nicht mehr gegeben werden. Sagt er. Weil das Gesundheitssystem viel zu viel Geld verschlinge.
Sein eigener Vater habe im Endstadium einer Krebserkrankung extrem teure Medikamente bekommen, die dann auch nicht mehr geholfen hätten. Es gebe bestimmte Phasen im Leben, wo man bestimmte Medikamente nicht mehr so einfach benutzen sollte.
Und mir wird kalt – denn ich denke so: Wer ist sehr alt? Wo ist die Grenze? Ab wann ist ein Medikament besonders teuer? Werden die Großeltern meiner Bruna künftig nicht mehr bestens behandelt, weil sie älter als 85 sind? Obwohl sie doch eigentlich sehr fit sind. Und mit einem „teuren“ Nierenmedikament weitere schöne Jahre vor sich haben könnten?


Voll Altersdiskriminierung. Denke ich so. Gibt es doch 50-Jährige, die an unheilbaren Lungenkrebs erkrankt sind – in ihrer Vita steht auch, dass sie seit vier Jahrzehnten täglich 40 Zigaretten rauchen, Fleisch ohne Ende konsumieren und keinen Sport betreiben. Dieser Mensch bekommt die teuren Medikamente, weil er ja relativ jung ist. Während die 90-Jährige, die nie geraucht hat, Sport betreibt und sich vegan ernährt, gegen Niereninsuffizienz nicht das beste, weil teure Medikament erhält?


Das spaltet. Denke ich so. Zerstört den solidarischen Gedanken, nach dem jeder die bestmöglichen Medikamente bekommen sollte. Anders geht es nicht. Denke ich so. Aber Menschen. Sind eben dekadent. Reduzieren alles oft auf Äußerlichkeiten, obwohl sie doch angeblich so woke und aufgeklärt sind.

Ich werde also wegen meines angeblich zu dickem Körper von meiner Nachbarin gemobbt. Dabei sehe ich blendend aus. Sage ich so und betrachte meinen nicen Schatten. Mein Pelz ist von Natur aus dick. Gerade vor dem Winter. Sagt der voll schlanke Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute. Und esst, was ihr wollt. Solange es schmeckt. Und altert. In Würde. Oder so.