Das Ende der DDR-Straßenlaternen und ich like Licht

Ich like Licht! Vor allem Natürliches. Licht. Wie von der Sonne – hebt auch meine Stimmung. Gibt mir den Flow. Aber: Anders als meine menschlichen Mitgenossen, stehe ich auch auf Dämmerung. Das liegt in meinen Genen. Denn die Düsternis hilft bei der Jagd. Weil mich potenzielle Leckerbissen wie Mäuse oder so nicht sehen.
Nun, ist hier in der Küche natürlich nicht nötig, ich weiß. Nicht so viele Mäuse zu sehen. Aber, ich will mal nicht zu unbescheiden sein – ich bin ein wirklich guter Jäger. Wegen meiner coolen Kateraugen. Die können auch bei schwachem Licht gut sehen – um ein Vielfaches besser als die von Menschen. Flow. Eben.

Meine Leute bräuchten an diesem düsteren Novembertag dringend Licht. Denn sie sind depressiv. Traurig. Weil in ihrer Straße, in ihrem ganzen Revier die 50 Jahre alten Straßenlaternen mit den hässlichen, breiten Betonsockeln gegen moderne Leuchten mit Stahlständern ersetzt werden. Statt des sanften, orangenfarbigen, diffusen Lichts also künftig kaltes, helles Licht die Straßen erleuchtet. Sagt Felix. Das sei bitter. Und Laura: „Jetzt machen sie auch noch die letzten DDR-Errungenschaften kaputt.“
Und ich denke so: Hej Jungs, hej Mädels, bleibt doch mal locker. Nur weil ihr alt seid, ist doch nicht alles Neue schlecht. Im Gegenteil: Vor ein paar Jahren hättet ihr es wahrscheinlich selbst noch gut gefunden, wenn die hässlichen Funzeln ausgetauscht worden wären. Die alten Betonstelen sind marode. Stehen nicht mehr gut. Und endlich wird LED-Licht erstrahlen. Der Energieverbrauch wird deutlich sinken.


Felix und Laura aber jammern weiter: Das Flair gehe verloren, die Atmosphäre werde zerstört. Und ich denke so: So sind sie, alte Menschen. Hängen immer an ihrer Vergangenheit, die ihre Jugend symbolisiert. Selbst wenn es gute Argumente für Neues gibt. Selbst wenn das Alte nicht wirklich schön ist. Selbst wenn sie selbst das nun Verklärte vor wenigen Jahren selbst gar nicht schön fanden – sondern sogar verdammten.
Die Vergangenheit lässt sie nicht los, die Alten. Laura schleppt meine arme Nuria mit ins Tacheles, einem mehr als 100 Jahre alten Gebäude, früher Einkaufspassage, heute Ausstellungshaus. Der DDR-Fotografin Helga Paris wird dort in einer Schau gehuldigt. Starke Fotos von DDR-Jugendlichen. Arbeitern, dem Alexanderplatz, Kneipen. Alltag einfach – ungeschönt, ehrlich, authentisch. Sagen meine Leute.


Wie die DDR-Laternen. Denke ich so. Die bald verschwinden. Und ich genieße nochmal ihr orangefarbenes Licht, das durch die Fenster fällt. Höre meine Nuria tapfer zu den Alten sagen: „Echt spannend. Eure Vergangenheit ist meine Gegenwart.“ Dann widmet sie sich Coco. Die sich im Licht der Sonne auf dem Sofa rekelt.



Nun, leider muss ich heute mal Felix und Laura recht geben. Das orangefarbene Licht der DDR-Laternen. Das in mein Revier strahlt. Macht mich wuschig. Bringt mich in Chillstimmung, Level elf von zehn. Hat berührende Wirkung. Auf mich. Lässt Schatten lebendig werden. In meiner Fantasie. Dimmt mich runter. Bringt echte Entspannung.
Und: Mensch sieht so manches nicht: Dreck, Graffiti, über die Straße jagende Ratten. Sagt der lichtempfindliche Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt. Im diffusen Licht.