Weich, aber versteinert zu Halloween

Was für ein Stress. Ständig klingelt es an der Tür zu meinem Revier. Und davor: Schwarz gekleidete Gören, dir rumplärren. „Süßes oder Saures“, rufen. Als ob sie nicht genug davon hätten. Gerade hier, im reichen, gentrifizierten Prenzlauer Berg.
Halloween also. Bekloppter Brauch, ursprünglich aus Irland, dann von den Auswanderern in den USA zelebriert, mittlerweile zu uns rüber geschwappt. Hätte da auch bleiben können. Finde ich. Ausgehöhlte Kürbisköpfe, absurde Verkleidungen, Grusel. Als ob es nicht genug gruselig in der realen Welt wäre.
Die islamistische Hamas beispielsweise rückt nach und nach Leichen raus, von denen sie behauptet, es seien Überreste von den aus Israel entführten Menschen. Von den 28, die sie dem Abkommen zufolge herausgeben muss, fehlen immer noch fast die Hälfte.
Heute nun sind es weitere drei Leichen, die die Hamas übergibt. Nach forensischen Untersuchungen in Israel stellt sich nicht zum ersten Mal heraus, dass es sich nicht um getötete Geiseln handelt. Das ist Horror.

Aber lieber nicht hinschauen. In die Realität. Sondern so tun als ob. Die Zeiten gut wären. Und man sich Grusel verschaffen darf. Wie in New York. Da gibt es eine Deutsche, ein Super-Model namens Heidi Klum. Die da alljährlich riesige Halloween-Partys feiert. Und jedes Mal ihre Kostüme steigert – heute trat sie als monströse Medusa auf. Das ist jene Schlangenfrau aus der griechischen Mythologie, die per Blick Menschen versteinern lassen konnte.

Würde ich auch gerne können. Andere versteinern. Die Halloween-Gören vor unserer Tür, aber auch Coco. Oder Felix. Aber ich kann starren wie ich will. Es gelingt nicht. Im Gegenteil. Die Gören vor der Tür rufen plötzlich nur noch: „Oh, süß“, weil sie mich erblicken, als ich um die Ecke luge.
Und ich höre, wie einer der Jungs, offenbar weich geworden durch meinen Anblick, Laura fragt: Sach mal, Du hast gar nichts bekommen, magst du was von mir haben. Und Katrin so, gerührt und auch ganz weich geworden: „Oh, Du bist ja süß, gerne.“ Und der Junge so: „Kannst die Kaugummi haben, mag ich eh nicht.“
Ich kann den Kindern nur mit einem langgezogenen Sprint entkommen. Jumpe ins Bett meiner Bruna. Zu Sally. Ihrem Kuschelhund. Den auch ich mag. Weil er nicht so versteinert ist. Wie die Menschen. Sagt der versteinert weich gewordene Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt. Leute.