Über die Sicht des Menschen und die Tragödie im Sudan

Menschen sehen ganz offensichtlich nur das, was sie sehen wollen. Und manchmal sehen sie selbst das Offensichtliche nicht. Wie meinen Hunger. Mein Verlangen nach Liebe. Was mich zu der Frage führt: Warum ist das so beim Menschen – tell me why?
Sie, die Menschen, sind entsetzt über den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine. Seit mehr als dreieinhalb Jahren terrorisieren Kremlchef Putin und seine Soldaten das Land. Es ist gut, dass es weltweit einen Aufschrei gibt über diesen Krieg. Und über den Umgang mit diesem Krieg erbittert gestritten wird. Ähnliches gilt für den Nahost-Krieg. Israels Angriffe im Gazastreifen werden weltweit wahrgenommen. Auch darüber wird erbittert gestritten. Zwei Topthemen. Von Beginn an. Zum Glück.
Aber – es gibt weit mehr Konflikte, Kriege, für die sich offenbar die sogenannte internationale Gemeinschaft nicht oder nur am Rande interessiert. Beispielsweise für den Krieg im Sudan. Der gilt nach Einschätzung der Vereinten Nationen als derzeit größte humanitäre Krise der Welt. Trotz Ukraine. Trotz Nahost.

Der Krieg im Sudan tobt auch schon seit langem, seit April 2023. Es ist ein brutaler Machtkampf zwischen einem sudanesischen General und Kommandant der Streitkräfte und seinem ehemaligen Stellvertreter, der mittlerweile eine Miliz kommandiert. Die rückt nun immer weiter vor. Und geht auch gegen Zivilisten brutal vor.
Nun hat sie eine wichtige Großstadt erobert – in der 300.000 Menschen leben, die Hälfte davon Kinder und Jugendliche. Die Menschen dort würden beschossen, hungerten, hätten keinen Zugang zu Nahrung, Medikamenten oder sicheren Orten. Sagen die Vereinten Nationen. Berichtet wird über Folter, Vergewaltigungen und willkürliche Hinrichtungen.
Insgesamt sind geschätzt seit Kriegsbeginn geschätzt 150.000 Menschen getötet worden. Mehr als zwölf Millionen Menschen sollen auf der Flucht, mehr als 26 Millionen Menschen – die Hälfte der Bevölkerung – von Hunger bedroht sein.

Und ich frage mich so: Warum vergessen – besser: übersehen Menschen in aller Welt diesen Krieg? Weil es ein Bürgerkrieg ist? Weil Sudan zu weit weg ist? Weil es Schwarze sind? Weil es Afrika ist? Und Afrika derzeit nicht wichtig genug erscheint? Weil er keine Bedrohung für einen selbst darstellt, weil keine Atomwaffen im Spiel sind? Weil es einfach anstrengend ist, sich mit einem Konflikt auseinanderzusetzen, von dem man so gut wie nichts weiß?
Wahrscheinlich, wie so oft, eine Melange aus allem. Aber für die Dekadenz, selbst heute, einem Tag, an dem weder in der Ukraine noch in Nahost Außergewöhnliches geschah, den Horror im Sudan in vielen Nachrichtensendungen nur als Randnotiz zu erwähnen, schäme ich mich zutiefst. Selbst US-Präsident Trump ist heute relativ ruhig. Trotzdem reicht ihm ein Besuch in Japan und die Ankündigung eines gemeinsamen goldenen Zeitalters, um in den Nachrichten vor dem Sudan aufzutauchen.


Ich jumpe auf Diegos Schoß. Damit er mich endlich sieht. Damit er mein Verlangen nach ihm spürt. Sehen muss. Spüren muss. Ich will aber auch, dass er von mir profitiert und seine Streicheleinheiten belohnt werden. Und sehe: Er kommt bei seinem Sudoku nicht voran. Und ich, ich gebe ihm Kraft. Und Zeichen: Jedes Schnurren bedeutet eine Zahl. Die in die Spalten passt. Er rafft es und schafft das Rätsel. Dank mir. Sagt der stolze Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und nun: Chillt, Leute.