Über das Vergessen und die AfD

Vergessen ist eine Gnade. Wer könnte ertragen, sich immer daran zu erinnern, was so geschehen ist. Wenn ich da mal bei mir beginne: Motten nicht nur töten, sondern zuvor quälen, meinen alten Kompagnon Moro piesacken, an den Beinen von meiner Bruna kratzen. And so on. And so on. Besser vergessen. Statt mich mit ohnehin verfälschten Memories zu quälen. Und die Menschen erst. Die vergessen – Kriege, Genozide, Morde, Lügen…
Vergessen ist aber auch irgendwie traurig. Weil eben alle vergessen. Und daraus folgt, dass es die Wahrheit über die Vergangenheit nicht gibt. Weil jeder seine eigene hat. Und sie – diese Wahrheit – für richtig hält. Memories – absolut subjektiv. Und damit gefährliches Konfliktpotenzial.
Ein banales Beispiel: Bis kurz vor seinem Tod vor zwei Monaten wollte ich mit Moro spielen, spielen, spielen. Oder zumindest kuscheln. Mit ihm. Er nicht. Er wollte chillen, chillen, chillen. Und seine Ruhe. Vor mir. Und ich dachte so: Was ich Gesellschaft mit Katzen vermisse. Was ist das für ein Stoffel-Kater, dieser Moro…
Jetzt ist Klein-Coco da. Rast um mich herum. Wirft sich auf mich. Und ich? Hocke da wie eine Sphinx. Beobachte nur. Weise sie Moro-like ab. Als ob ich nun Moro und sie mein Ich vor zwei Monaten wäre. Damals dachte ich so über Moro, der mit seinen fünf Lenzen ja auch noch jung war: Was ist das denn für ein Bock – ähh, Kater? So will ich nie werden. So bin ich nun. Trotz Memories.



Vielleicht ein besseres Beispiel: Über Menschen. Immer mehr Deutsche wählen Rechtsextremisten. Offenbar ohne zu reflektieren, dass es die Nazis vor gerade mal 80 Jahren waren, die einen Weltkrieg entfachten und sechs Millionen Juden ermordeten. Diese Wähler rechter Parteien wie der AfD vergessen. Offenbar. Extrem schnell. Oder aber: Sie wussten nie.
Oder im Privaten: Beispielhaft ein Streit zwischen Nuria und meiner Bruna. Über meinen Namen. Nuria sagt, der sei ihre Idee gewesen, sie habe vor gut drei Jahren Charlie vorgeschlagen. Bruna ist entsetzt. Entrüstet. Nein, das sei ihre Idee gewesen.
In den eskalierenden Streit übers Recht-Haben mischt sich ihre Mutter Laura ein: „Mädels – es war meine Idee, erinnert euch mal, ich habe das vorgeschlagen, weil er doch ganz in der Nähe von Checkpoint Charlie geboren wurde.“
Vattter Felix sitzt nur da. Und ich sehe, dass er denkt, dass mein Name natürlich seine Idee gewesen sei. Während ich weiß: Charlie. War. Ich. Schon. Immer. Hehe.

Puuh, alles immer so emotionalisiert. Sicher ist: Der Name Coco war Nurias Idee. Bruna war für Luna. Laura und Felix für Chaplin. Der Name Coco setzte sich durch. Zum Glück. So war es. Really. Schwarz auf Weiß hier nachzulesen. Während ich Coco beobachte. So sweet. Wie sie langsam die Welt erobert.
Auf meinem Stuhl liegend. Auf Felixens Zeitung posierend. Auf meinem Tisch-Sonnenplatz. Hach. Ich vergesse alles einfach. Macht es einfacher. Zum Chillen. Moros Trick. Übrigens.
